Projekt: Georgische Musik

„Das ist mein größter musikalischer Eindruck“, sagte Igor Strawinsky, einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts über die georgische Musik.

Schon Strabon (64 v.Chr. – 26 n.Chr.) nannte die Georgier ein „singendes Volk“.

Projekt: Georgische Musik

Was ist die Georgische Musik:

Georgische Musik ist grundsätzlich polyphon. Vieles deutet darauf, dass es sich um eine eigenständige allein stehende Kultur ohne äußere Einflüsse handelt. Die musikalische Sprache ist vielfältig und regional äußerst unterschiedlich. Die Stimmführung und Harmonik des georgischen Gesangs sind weltweit einzigartig. Die Entwicklung der georgischen Polyphonie geht der europäischen um mindestens dreihundert Jahre voraus. Nach neuen Forschungen basiert die ganze Georgische Musik neben dem eigenen Notensystem auf eigenständigen theoretischen Grundlagen mit eigenem Tonlagesystem. In den in Texten alter Lieder überlieferten Wörtern vermutet man Ähnlichkeiten mit altsumerischen Sprachen, die für die Sprachwissenschaft von eminentem Interesse sind.

 

Die georgische Musik wurde von der UNESCO 1999 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

 

Was ist besonderes an der georgischen Musik:

Für die musikalische Tradition Georgiens ist bedeutsam, dass das Land von Kulturen umgeben ist, in denen es keine Mehrstimmigkeit gibt.

Dies ist anders als in Europa, wo die Polyphonie eine Entwicklung professioneller Schulen war. In Georgien entstand und blieb bis heute eine einzigartige mehrstimmige Gesangskultur erhalten. Dabei ist zu betonen, dass diese hochkomplizierte Musik in ihren Formen und Strukturen ein Ergebnis der Volksmusik ist.

Die georgische Musiktradition ist nicht nur dadurch einzigartig, dass sie keiner anderen Musikkultur ähnelt, sondern Klang und Formen der georgischen Musik sind bis heute lebendig und unverändert überliefert. In ihrer Form und strukturellen Vielfalt können wir alle Entwicklungsstufen der Polyphonie beobachten. Mehr noch: Die georgische Musik hat eigene Stimmsysteme und Modi, die mindestens 3000 Jahre alt sein müssen.

Kontakt und Autorin:  Marika Lapauri-Burk Nutzen Sie bitte unser Kontaktformular

Projektbeschreibung:

In einem ca. 1 stündigen Vortrag wird das georgische Modi-System erklärt nach neuesten Forschungen vom Antschichati Chor Mitglieder der Musikethnologe Levan Weschapidze und der Mathematiker Zaza Tsereteli. Der Vortrag ist als ein kleiner Film auf Deutsch vorbereitet. Nach dem Film Können die Musiker alle Fragen beantworten und einige Lieder mit mind. Von zwei weiteren Chor Mitgliedern zusammen Live vorführen. Die Musiker werden Ihre Forschungsmethoden und Arbeitsvorgänge erläutern. Ein derartiger Vortrag wurde außer Georgien noch in keinem weiteren Land vorgestellt. Der Vortrag ist so konzipiert, dass außer Musikwissenschaftlern für alle interessierten Menschen der Vortrag auch verständlich sein sollte.

Weitere Möglichkeiten außer sind:

Ein Workshop

Ein Konzert

Eine traditionelle Tafel mit Gesängen

 

Problematik:

Seit Anfang des 20. Jhdts befindet sich diese Gesangstradition in der Krise. Im Zuge der Urbanisierung verliert der Gesang seine funktionelle Bedeutung.

Von der Annexion des Landes durch das zaristische Russland (1801) war auch die georgische Musik betroffen. Der seit dem 4. Jhdt. unabhängigen georgischen Kirche wurde die Autokephalie genommen und der georgische Kirchengesang verboten.

In kommunistischer Zeit entstehen sogenannte Cover Ensembles, die die traditionellen Lieder in temperierter Stimmung singen.

Die traditionelle Stimmung und ihre Improvisationstechnik gehen weitgehend verloren.

Zitatauschnitte aus dem Vortrag („Georgische Modi“ I, Internationale Konferenz zur Polyphonie, Tbilisi /Georgien im Oktober 2002) von einem der bedeutendstenen georgischen Forscher Malchaz Erkwanidze:

”….Bis in die 60-er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde diese Musik noch authentisch praktiziert. Ab dann zerfallen die originalen Stimmungslagen und verwandeln sich in Temperierung (…). Mit dem Zerfall des Stimmungssystems, verliert man (…. ) das wichtigste Merkmal des georgischen Gesangs, die gleichzeitige Improvisation in jeder Stimme des Polyphonen Gesangs.”

..“wir möchten von der Flöte mit den drei Grifflöchern berichten, die bei den Ausgrabungen vor 30 Jahren im Mzkheta (Zentral Georgien) gefunden wurde. Die Flöte ist aus Knochen und ist 3500 Jahre alt. Aus Interesse an den georgischen Modi haben wir sie jetzt untersucht. Die vier Töne dieser Flöte ergeben genau das Tetrachord, das wir nach jahrzehntelanger Forschungsarbeit als ein Koordinations- Modus festgestellt haben. Aber es gab noch weitere Überaschungen: Bei dem zufälligen Anspielen der Flöte in einem anderen Winkel haben wir einen anderen Modus gehört, (….) Es ist so weiter gegangen, bis wir sieben unterschiedliche Modi heraushören konnten. Diese Spiel- und Bautechnik deutet auf ein System, das auch bei Ioane Petritsi beschrieben wird. (…) Wenn es wirklich so sein sollte, ist dieses System mindestens 1000 Jahre dem Griechischen Modisystem voraus.“

..“ Wir möchten sagen, daß wir Georgier noch keine adäquaten Kenntnisse von diesem Kulturerbe haben, das in der Georgischen Musik angelegt ist. (….) Wir werden bei den weiteren Forschungen sicherlich einige bereits festgelegte Thesen überarbeiten müssen.“

 

Georgien/ Kurzgeschichte/Hintergrunde

Die Georgier sind die ältesten autochthonen Bewohner des Kaukasus. Das beweisen die Funde auf ihrem Territorium südlich des Kaukasus, wo man eine kontinuierliche Entwicklung über mindestens 6000 Jahre verfolgen kann, vom Neolithikum bis zum XIII. Jht. vor Christus. Ab dem XIII. Jht. v. Chr. finden wir in einigen schriftlichen Quellen Informationen über georgische Stämme in den assyrischen und urartischen Keilschriften, später in griechischen und lateinischen Quellen. Die archäologischen Ausgrabungen zeigen, dass es südwestlich des Kaukasus, wo die Georgier leben, verschiedene kulturelle Entwicklungen, aber keine Unterbrechung gibt, die irgendwie auf einen Wechsel der Bevölkerung schließen lässt.

In der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends vor Christus haben sich die georgischen Stämme in einem Staat organisiert. (Diauki und Kolchida)

Die griechischen Autoren Xenophon und Strabon wussten, dass deren Zeitgenossen die Kolcher waren, die Nachfolger des legendären Staates Kolchis und des Königs Aiet, von dem der Grieche Iason und seine Argonauten noch vor dem Trojanischen Krieg das goldene Vlies gestohlen haben.

Im IV. Jht. v. Chr. verliert Kolchis (in anderen Quellen Egrissi) an Bedeutung. Seinen Platz nimmt das weiter östlich gelegene Kartli (von den Griechen auch Iveria genannt) ein.

Das Königreich Kartli ist seit dem X./XI. Jht. n. Chr. bis heute als Sakartvelo (Georgien) bekannt.

Die christliche Religion wurde in Georgien seit dem 1. Jhdt. n. Chr. von dem Apostel Andreas gepredigt und wurde im Jahr 326 Staatsreligion. Dies hat die weitere kulturelle Geschichte des Landes stark geprägt.

Die georgische Sprache gehört zur allein stehenden Ibero-Kaukasischen Sprachfamilie und hat ihre eigene Schrift.