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Lieber Herr Veser,
am 30. September, an dem Tag, an dem spät abends der 1100 Seiten
starke Bericht der
Tagliavini Kommission im Internet veröffentlicht wurde, hatten
Sie Ihren Artikel unter der
plakativen Schlagzeile „Georgien hat den Krieg begonnen“ bereits
geschrieben.
Wenn Sie die weiteren Nachrichten und Diskussionen aufmerksam
verfolgt, oder inzwischen
sogar den umfangreichen Bericht im Original zur Kenntnis
genommen haben, wird Ihnen
auffallen, dass Sie dort nirgends den besagten Satz finden, den
Sie als Titel für Ihre Artikel
ausgewählt haben. Inzwischen wurde auch deutlich, dass Russland,
das in acht Fällen
beschuldigt wird, das internationales Recht gebrochen zu haben,
mit dem Bericht
keineswegs sehr zufrieden ist. Der Spiegel hat im Vorfeld auf
der Basis von Informationen
des Kommissionsmitglieds Herr Schramm in ganz ähnlicher Weise
versucht, eine feste
Meinung im Deutschland zu etablieren, die von Frau Tagliavini
heftig dementiert wurde.
Dieses Dementi hat aber nicht vergleichbar so viel
Aufmerksamkeit erlangt. Es wurde
allerdings trotzdem bekannt, dass dieser Fall zu großen
Auseinandersetzungen zwischen der
Kommission und Herrn Schramm geführt hat. Es könnte Sie
diesbezüglich vielleicht
interessieren, die Meinung des bekannten russischen
Wissenschaftlers, Mitglied der
Akademie der Wissenschaft Russlands, Andrei Pointkovski (Quelle
IPN)zu erfahren: „Ich
kenne das gut, wie im Westen eine Meinung gebildet wird. Im
Westen wird keiner 40 oder
sogar 900 Seiten lesen, alle achten auf Headlines.
Überschriften. Was jetzt die Überschriften
betrifft, selbst Georgien freundlicher gesonnene Zeitungen
formulieren mit einem kurzen
Satz: `Die Mission hat versichert, dass Georgien den Krieg
angefangen hat´, einige Zeitungen
haben danach ein Komma gesetzt und mit einem weiteren Satz
gesagt, dass diese
militärischen Aktionen zwischen Russland und Georgien eine
Kulmination als Folge der
langjährigen Konfrontation war. Aber wer liest so einen Text?“
Vytautas Landsbergis hat richtig kommentiert, als er sagte, dass
es einen so umfassenden
Bericht über einen historischen Konflikt, der in einem seiner
Einschnitte zu bewerten war,
bisher noch nicht gab. Daher hat es vielleicht doch einen Sinn
gehabt, den mit 1,6 Mio. Euro
finanzierten Bericht für die Zukunft zur Verfügung zu stellen.
Diese Zukunft sollten die
Menschen in Europa selbstbestimmt finden und nicht durch
Vorgaben von Gazprom.
Hier noch einige Ausschnitte aus einer Interview mit Herrn Ron
Asmus
http://www.tavisupleba.org/content/article/1848129.html
Ronald D. Asmus, Executive Director, Transatlantic Center and
Strategic Planning Location:
Brussels Expertise: Transatlantic Relations, NATO, European
Union, EU Enlargement and
Integration, European Security and Defense policy, Turkey,
Central and Eastern Europe,
Black Sea region, Greater Middle East, U.S. and European Middle
East Policy, Northern and
Central Europe
...“Ich denke, die erste Reaktionen auf den Bericht waren
fokussiert auf dem Satz, demnach
Georgien in der Nacht vom 7. August einen militärischen Akt
begonnen habe, was wie eine
Verurteilung Georgiens aussah. Danach haben Menschen diesen
Bericht detaillierter
gelesen und gesehen, dass der Bericht viel strenger gegenüber
Russland ist, als viele das
erwartet hätten. Dieser Bericht ist so geschrieben, dass
verschiedene Seiten verschiedenen
Teilen des Berichts Beachtung schenken werden. Wenn ich im Kreml
säße, würde ich
wollen, dass die Menschen das detailliert lesen. Denn, je mehr
ich lese, desto mehr Kritik an
verschiedenen Aspekten der Russischen Politik sehe ich. Die
Botschafterin Heidi Tagliavini ist
eine Diplomatin, sie ist ein sehr vorsichtiger Mensch. Dieser
Bericht ist in einer sehr
trockenen, bürokratischen Sprache geschrieben, aber wenn man das
sorgfältig liest, wissen
Sie, sie kritisiert alle! Inklusive den Westen...“
...“Der Bericht bekräftigt die Meinung, dass die Kriegsursache
Georgiens Wunsch war, sich
dem Westen anzunähren und Russlands Wunsch, dieses nicht
zuzulassen. Dieser Konflikt ist
nicht gelöst. Der existiert weiter. Wie es in dem Bericht
formuliert ist (und das ist dort sehr
vorsichtig formuliert), fand der Konflikt deshalb statt, weil
die Friedensmissionen nicht
adäquat waren, sie waren nicht effektiv genug. Sind wir sicher,
dass die jetzigen
Mechanismen zur Prävention des Konflikts in Richtung auf einen
weiteren Krieg taugen? Da
bin ich mir nicht sicher... Der Konflikt existiert weiter!...“
...“weil dieser Bericht, trotz der sehr vorsichtigen
Formulierungen auch den Westen
kritisiert, was der Westen nicht getan hat, um den Krieg zu
vermeiden...“
...“FRAGE: Was kann der Westen jetzt machen? Wenn wir
zurückkommen auf Ihre
Einschätzung, dass die Kriegsursache Georgiens Wunsch, sich dem
Westen anzunähern war,
und das Russland versucht hat, das nicht zu zulassen ‐ wird das
in der EU wahrgenommen,
von den EU Leaders?
Ron Asmus: Wenn ich offen sein soll, bin ich mir nicht sicher.
Deswegen habe ich das Buch
geschrieben, damit den Menschen klar wird, warum das so
geschehen ist. Viele denken,
dass der Krieg wegen Sud‐Ossetien und Abchasien entstand. Ich
denke nicht so. Und wenn
man diesen 40seitigen Bericht liest, ist völlig klar, dass das
kein Krieg zwischen Georgien und
Separatisten war, das war ein Russland‐Georgien Krieg.“...“ber
warum Saakaschwili diesen Schritt gemacht hat, ist für mich keineswegs ein
Geheimnis! Wenn Georgien den Wunsch verneint hätte, in die NATO
einzutreten, verneint
hätte, sich in die westlichen Strukturen zu integrieren und auf
einen demokratischen Kurs
verzichtet hätte, wäre es nicht zu diesem Krieg gekommen. Ich
denke, wir in der EU sollten
diskutieren, ob Russland eine rechtliche Grundlage hat und
nicht, dass es Einflusssphären
beanspruchen kann? Was halten wir für legitim oder nicht legitim
im Interesse Russlands?
Und wo soll der Westen eine Linie ziehen, wenn Russlands Taten
unannehmbar sind und wie
sollen wir solche Länder wie Georgien unterstützen? Leider hat
man sich in dem Bericht
nicht damit auseinandergesetzt. Ich denke, das waren zu scharfe
politische Fragen für die
Diplomatin Tagliavini...“...“wir müssen darüber diskutieren, was
wir machen müssen in der NATO, was für
Maßnahmen wir in der Beziehung zwischen den USA und Georgien
treffen sollen,
diskutieren über die Sicherheit für Georgien, weil Georgien zu
Recht sagen wird, dass die
Reformen leichter durchzuführen sein werden, wenn Georgien sich
sicher fühlt. Heute ist es
nicht sicher....“Im diesen Sinne ist die georgische Seite, trotz
einiger Vorbehalte bezüglich Formulierungen,
die mit den Wörtern wie „ürde“und „önnte“beginnen, einige
weitere Fakten, insgesamt
mit der Arbeit der Kommission zufrieden.
Mit freundlichen Grüßen,
Marika Lapauri‐Burk Dr. Frank Tremmel
Es geht um folgendes Artikel
An
Gesellschaft für bedrohte Völker
Postfach 2024
37010 Göttingen
Einige Bemerkungen zu den Veröffentlichungen der
Gesellschaft für bedrohte Völker
Durch die aktuelle Lage in Kaukasus, wird im Internet viel
zum Thema recherchiert. Wir sind auf Ihre Homepage aufmerksam geworden. Dabei
sind uns zwei Artikel aufgefallen:
„Abchasien/Südossetien
Minderheitenkonflikte gerecht lösen: Autonomiestatus für
Abchasien - Wiedervereinigung der Osseten - Proporzregelung für alle
Minderheiten - Beispielhafte Friedensinitiative für Flüchtlingsrückkehr von
Außenminister Steinmeier fortsetzen!“ von 29.August 2008
Der Generalsekretär der Gesellschaft für bedrohte Völker
(GfbV) Tilman Zülch „appelliert an die Bundesregierung, die lobenswerte und
beispielhafte Friedensinitiative von Außenminister Frank-Walter Steinmeier
fortzusetzen. (http://www.gfbv.de/pressemit.php?id=1521)
Auf eine Initiative, wie die von Herrn Steinmeier haben alle
Betroffenen seit langem gewartet. Dieser Friedensplan kam aber sehr verspätet,
da sich in dem vorangehenden Zeitraum, besonderes seit 2004, seit Russland seine
Provokationen mit besonderer Intensität fortgesetzt hat, die Lage erheblich
zugespitzt hat.
In dem oben genannten Artikel schlägt die GfbV vor, „das
zurzeit russische Nordossetien mit dem völkerrechtlich zu Georgien gehörenden
Südossetien zu vereinigen und diese Eigenstaatlichkeit durch Georgien und
Russland garantieren zu lassen. Den nicht ossetischen Nationalitäten,
einschließlich der georgischen Rückkehrer, soll eine Proporzregelung nach
Südtiroler Modell die Gleichberechtigung in Administration und Öffentlichem
Leben garantieren.“ Diese neue Ordnung von Staaten liegt bestimmt von Seiten des
GfbV der ehrlich gemeinte Wunsch zugrunde, die Probleme zu lösen. Allerdings
ist eine gewisse Unkenntnis bezüglich der Gesamtproblematik, im besonderen des
internationalem Rechts und der Mangel an Vorstellungskraft, was eine derartige
Lösung überhaupt bedeuten würde, unverkennbar. Bei unseren vielen Recherchen zum
Thema, sind wir nie auf solche oder ähnliche Problemslösungen gestoßen und
daraus schließen wir, dass die Idee der GfbV aus guten Gründen von der
Weltgemeinschaft nicht ernsthaft in Erwägung gezogen wird. Der in diesen
Vorschlägen zum Ausdruck kommende politische Dilletantismus ist für die
Kaukasusregion mehr als gefährlich. Die heutigen geopolitischen Modelle zeichnen
sich eh schon durch eine erhebliche Unkenntnis der regionalen Bedingungen aus.
In der Kaukasusregion wurden nach der Oktoberrevolution sehr tiefe Wunden
hinterlassen und diese werden schwer jemals heilbar sein, wenn abstrakte
Spekulationen über tatsächliche oder vermeintliche ökonomische Interessen
weiterhin Priorität genießen. Uns ist nicht verständlich, warum die GfbV diesen
Trend durch noch abstraktere Sozialexperimente forciert wissen will.
Für uns war aber eine andere Veröffentlichung der GfbV eine
weitere Überraschung:
„Für eine Bleiberechtsregelung in Deutschland
„Kurdische Yezidi aus Georgien“.
(http://www.gfbv.de/inhaltsDok.php?id=680&highlight=georgien)
Darin schreibt die Autorin Frau
Sarah Reinke, „Anfang der 1990er Jahre flohen Tausende kurdischer Yeziden
vor Verfolgung und Diskriminierung aus Georgien nach Deutschland.“
Diese Aussage basiert einzig auf Aussagen von „Asylanwälte
und Flüchtlingshilfsorganisationen“, die angeblich „seit langem zahlreiche
Belege geliefert dafür, dass die kurdischen Yeziden in Georgien als Gruppe und
aufgrund ihrer Religion verfolgt werden.“ Wie es auch im Telefongespräch mit dem
Miterbeiter der GfbV, Herrn Sido, bestätigt wurde, basiert diese Aussage allein
auf Einzelschicksalen. Anderes formuliert, es sind Personen, die in Deutschland
ein Asylrecht suchen. Es ist bekannt dass die historischen Ereignisse vom Anfang
der 90er Jahre eine Flüchtlingswelle ausgelöst haben.
Die Auskünfte der Autorin, wie: „ca.
1 Million Menschen, emigrierten. Die meisten Menschen verließen Georgien
zwischen 1993 und 1995. Viele von ihnen gehörten Minderheiten an“,- entbehrt
jeder wirklichen Grundlage. In den 90-er Jahren begann eine neue Zeit. Der
„kalte Krieg“ war vorbei. Westen und Osten haben ein Abkommen ohne eine Vision
abgeschlossen. Menschen jenseits des „eisernen Vorhangs“ sind in dem
eingetretenen Chaos alleine gelassen worden. Die Weltpolitik ist noch nicht so
weit, mindestens eine Zukunftsvision zu vermitteln.
Grosse Auswanderungs- Wellen waren einerseits eine
natürliche Folge nach 70 Jahren Totalitarismus, andererseits aber auch Folge des
wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Diese Gründe und sind aber bekannt und haben
mit Minderheitenproblemen nichts zu tun.
Die Situation der Kurden insgesamt soll von uns hier nicht
diskutiert werden. Wir möchten lediglich klären, ob die kurdische
Bevölkerungsgruppe tatsächlich in Georgien verfolgt wurde. In Georgien selbst
gibt es 300.000 Flüchtlinge, Georgier aus Abkhasien und weitere aus Shida Kartli
(Süd Ossetien). Diese sind aber überwiegend weiter in den anderen Teilen von
Georgien, viele auch zerstreut in Russland. Diese Krisen und die weitere
politische Lage in Georgien haben zu einem Zusammenbruch der Wirtschaft
beigetragen und es ist bekannt, dass viele Menschen einen neuen Anfang in Europa
versucht haben. Diese nennt man hier im Westen „Wirtschaftsflüchtlinge“ und
diese Gruppe von Menschen war von keiner Verfolgung bedroht. Weiter schreibt die
Autorin, dass „..die großen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty
International oder Human Rights Watch (...) sich mit dieser Gruppe (Yeziden in
Georgien) nicht beschäftigt“ haben. Das hat nur einen einzigen Grund, nämlich
den, dass es in Georgien eine Verfolgung von Kurden niemals gegeben hat. Mehr
noch: in Georgien haben Kurden alle Möglichkeiten gehabt, sich zu entfalten. Es
ist zweifellos wahr dass diese Möglichkeit mit der politischen Entwicklungen ab
den 90er Jahre sehr abgenommen hat. Die Verschlechterung der gesellschaftlichen
Situation ist auf einen Gesamtzustand zurückzuführen und nicht auf eine
Benachteilung der kurdischen Mitbürger. Die gesamte Bevölkerung Georgiens litt
unter den politischen und wirtschaftlichen Folgen des Umbruchs und den
separatistischer Bewegungen, die von Russland unterstützt wurden. Weiter im Text
ihrer Autorin: “ In Georgien selbst gibt es keine Menschenrechtsorganisation,
die zuverlässig Informationen zur Verfügung stellt.“ Georgien befindet sich wie
oben schon beschrieben wurde in einer Krisenlage. Trotzdem, im Vergleich zu
anderen postsowjetischen Ländern haben die NGOs und die Zivilgesellschaft große
Fortschritte gemacht. Das bestätigen viele unabhängige internationale
Organisationen. Im Gespräch mit der GfbV hat diese zugegeben, dass sie in
Georgien nicht recherchiert hat und mit Ihren Möglichkeiten nicht in der Lage
sei, solches zu unternehmen. „...Wie viele Yeziden in Georgien leben ist nicht
genau bekannt.“, - schreibt weiter die Autorin. Wir fragen uns, wie kann es
sein, dass man für kurdische Rechte in Georgien kämpfen möchte und nicht vor Ort
Informationen gesammelt hat. Uns hat es einen Anruf gekostet die Telefonnummern
von 7 georgisch-kurdischen Organisationen ausfindig zu machen. Außerdem gibt es
natürlich Menschenrechtsorganisationen in Georgien und die sind gerade z. Z.
vorwiegend besorgt, dass die Finanzierung für kurdische Kulturarbeit gefährdet
ist.
Hier übrigens eine Liste von den kurdischen Organisationen
in Georgien:
|
Agid Mirzoev
|
Georgia
Kurd-Ezids National Congress/ Multinational Georgia |
899 55 18 97 |
|
Lili
Safarova |
Georgia
Kurd-Ezids Women Independent League |
61 86 90;
893 68 68 05; 61 86 90 |
|
Rostom
Atashev |
Georgia
Ezids Association |
774573; 899
568394 |
|
Kerim Anyos
|
International Fund of Kurds Rights |
30 77 75; 37
88 23 |
|
Tamaz
Avdaliani |
G. Samoev
Kurds Rights Fund |
977 466743 |
|
Grigori
Kakliani |
South
Caucasus Kurds Union |
899 57 97 57;
39 75 99 |
|
Giorgi Amariani |
|
855 90 06 02 |
|
Tengiz
Sheihbavki |
|
899 19 76 18 |
|
Vitali Nabiev |
Ezids Union |
893 58 03 79 |
|
Ozmanian Lusia |
Ezids Union |
893 18 22 16 |
Schon diese zahlreichen Vertretungen bei einer
Bevölkerungszahl von 4 Millionen Georgiern macht deutlich, dass in Georgien die
Kurdische Bevölkerung mindestens eine Plattform hat, um sich zu äußern. Wir
möchten nicht bestreiten, dass für die Kurden, wie auch für andere
Bevölkerungsgruppen in Georgien bestimmt mehr zu tun wäre. Die Bestrebungen
Georgiens, sich demokratisch zu entwickeln, sind in den letzten Jahren bewiesen
worden. Eine moderne demokratische Gesellschaft mit seinen wiederbelebten
historischen multikulturellen Wurzeln ist das Ziel aller Georgier. Genau diese
Bestrebung wurde leider zum Verhängnis für Georgien.
Wenn man berücksichtigt, welche Krisen in Georgien zu
bewältigen sind, ist es kein Wunder, dass das georgische Kultusministerium in
diesem Jahr 3mln GL (ca. 150 Mio. Euro) streichen musste. Es ist zu bedauern,
dass sehr viele gute Projekte zum stehen gekommen sind und dass darunter die
ganze Bevölkerung zusammen zu leiden hat.
Wir möchten hier keine Kritik an einzelnen Menschen üben,
die aus wirtschaftlichen Schwierigkeiten ein Asyl im Westen suchen und dafür
bestimmte Mittel einsetzt. Von einer seriösen Organisation erwartet man aber
eine kompetente Einschätzung der Lage, vor allem keine blinde Verteidigung und
Stellungsnahme zu Dingen die nur zu einer negative Entwicklungen beitragen
können. Vielleicht sollten Sie sich einmal die Frage stellen, warum eine der
ältesten Religionsformen, die des Yezidentums im Kaukasus, in Georgien überhaupt
überlebt hat? Es ist zwar richtig, dass es zwischen Kurden und Georgier wenig
„Zusammenarbeit“ gab. Das ist aber auf die Tradition der Yeziden zurückzuführen.
Die Autorin selbst erklärt uns die Religion dieser Bevölkerungsgruppe
folgendermaßen, „als Yezide muss man geboren sein.“ Ich, als Verfasserin dieses
Textes, kann mich an meine kurdischen Mitschüler sehr gut erinnern, unsere
Spiele „im kurdischen Hof“, kurdische Feiern, bei denen die Kurden eigentlich
unter sich sein wollten, aber manchmal doch die georgischen Freunde eingeladen
haben. Ich kann Ihnen sagen, dass das eine der schönsten Erinnerungen meiner
Kindheit ist. Dazu gehören auch die Bilder aus den 70ern, in denen die Kurden in
den Straßen von Tbilisi mit ihrer wunderschönen bunten traditionellen Kleidung
zu sehen waren. Das erlebt man heute leider kaum mehr.
Jede verloren gegangene Tradition ist eine Hoffnung weniger,
verarmt unsere Zukunft in der Bestrebung eine humane globale Gesellschaft zu
entwickeln. Oberflächliche Analysen des Zusammenlebens der Georgier und Kurden,
sowie auch andere uns bekannte Einschätzungen zum Thema zeigen uns, wie
unbekannt die kaukasische Kultur im heutigen Europa insgesamt ist.
Die korrupten Strukturen des Innenministeriums in Georgien
waren eine Last für die gesamte dortige Bevölkerung. Die gewaltigen Reformen der
letzten Jahre haben in Georgien in dieser Hinsicht zu Verbesserungen geführt und
z. Z. ist die Korruption so gut wie abgeschafft. Das Vertrauen in die
polizeilichen Kräfte in Georgien ist zufriedenstellend. Natürlich, auch auf dem
Weg der Demokratisierung, dem Aufbau der Zivilgesellschaft ist noch sehr viel zu
tun und in der Gesellschaft sind starke Bestrebung in Richtung Demokratisierung
zu beobachten. Wenn aber von außen unterstützte separatistische Bewegungen und
die aggressive Politik Russlands weiter dieses gegenwärtige Ausmaß beibehält,
wird das für alle Bürger Georgiens gleiche Benachteilungen bringen und der
Demokratie droht eine dauerhafte Krise.
„...Die kurdisch-yezidische Kultur in Georgien erlebte in
den 1970er Jahren einen Aufwind. Es entstanden Musikgruppen und das damals
weltweit einzige kurdische Theater. Im staatlichen Radio waren wöchentlich 15
Minuten den Kurden und ihrer Sprache gewidmet. In den russischen Schulen gab es
fünf Klassen, in denen in Kurmanci, die yezidischen Muttersprache, unterrichtet
wurde...“ Das Problem bei solchen Beschreibungen ist, dass die Geschehnisse
einseitig dargestellt werden und sich nicht auf zeithistorische Analysen
beziehen. Die 70er Jahre waren in der damaligen Sowjetrepublik Georgien der
einzige vergleichsweise ruhige Zeitraum, in dem wir uns kulturell entfalten
konnten. Das betrifft die gesamte Kultur dort. Die Analyse der damaligen
Verhältnisse würden unseren Rahmen hier sprengen, aber es ist interessant -
gerade auch für die heutigen Diskussionen über den Kaukasus Krieg - zu sehen,
was für ein Potenzial dort für eine demokratische Entwicklung vorhanden war. Die
70er Jahre waren die Zeit, in der sich das Land nach dem zweiten Weltkrieg
erholt hat, im Kreml regiert Breshnev und diese s. g. „zastoi“ Ära war trotzdem
ein Boden für die Kultur. Die neue Künstlergeneration und die Gesellschaft hat
gelernt mit dem korrupten Staatssystemen umzugehen und nützen diese Gelegenheit.
Wir möchten nicht jedes Wort der Autorin kritisieren, aber
wir möchten trotzdem anmerken, dass die besagten 5 Klassen in den russischen
Schulen eine Möglichkeit darstellten, die Kapazitäten des Schulsystems
logistisch zu verteilen. Deshalb gab es eine russische Schule für die
Minderheiten, in der die Klassen nicht so überfüllt waren, wie in den
georgischen Schulen.
Von dem GfbV würden wir uns wünschen, dass sie diese
Veröffentlichungen überdenkt und sich mit unsere Kritik sachlich auseinander
setzten würde. Wir können natürlich die weiteren Arbeiten der GfbV nicht
überprüfen, um uns ein umfassendes Bild von dieser Organisation uns zu
verschaffen. Wir kennen die Arbeit der GfbV zum Thema Tschetschenien und
bemerken positiv, dass sie einiges für ein Asylrecht für Tschetschenen in
Deutschland geleistet haben, das unter Kohls und später Schröders Regierung aus
bekannten Gründe in Deutschland nicht anerkannt wurde. Wir erwarten mehr
kompetente Recherche seitens der GfbV und nicht die Instrumentalisierung der
Themen.
Kaukasus ist ein Region in Europa, wo immer Minderheiten
miteinander seit Jahrhunderten lebten. Jede politische Entscheidung im Kaukasus,
die nicht dessen historisch-kulturellen Kontext berücksichtigt, hat keine
Zukunft. Heute ist es die Aufgabe Europas, diese einzigartigen kleinen Völker
von der Bedrohung und dem Aussterben zu schützen. Nur dann kann eine an
ökonomischer Entwicklung interessierte Politik Zukunft haben.
Die kulturellen Werte werden in den globalen Entwicklungen in unserer
Epoche bei weitem nicht ausreichend berücksichtigt. Eine bisher
orientierungslose Politik hat das Anbrechen einer neuen Ära nicht richtig
erkannt. Vielleicht ist die aktuelle Krise im Kaukasus eine Chance für die Welt,
um zu handeln, eine klare Vision zu entwickeln, wozu und mit welchen Mittel wir
besser zusammen für unsere Zukunft sorgen können.
Marika Lapauri-Burk
Lile e. V.
Hamburg/Oktober 2008
Von Marika Lapauri-Burk
und Frank Tremmel
Betreff: ZDF
Dokumentation am 14.12.08
„Machtpoker im Kaukasus“
Dokumentation am 17.12.08 „Die
Spur des Goldes“ /„Abenteuer Wissen“
Abstract:
In der Zeit des eisernen Vorhangs und erneut in der Zeit nach der Perestroika
war Georgien und der Kaukasus eine Terra incognita. Auch die offenbar mit heißer
Feder geschriebenen Artikel und Bücher der jüngeren Zeit bewegen sich entweder
auf dem problematischen Niveau einer Weltbürgerkriegsdiagnostik oder ergehen
sich in ahistorische Sophistereien über völkerrechtliche Einzelfragen, die den
Leser oftmals ratlos zurücklassen. Den westlichen Berichterstattern ist oftmals
nicht bewusst, dass mit den politischen, ökonomischen und kulturellen Umbrüchen
in Osteuropa für uns alle eine neue Ära angebrochen ist, die es erforderlich
macht, unterschiedliche Erfahrungen in einem wechselseitigen Prozess
auszutauschen und nicht einfach durch die Raster der jeweils überkommenen
Kategorienssysteme zu filtern. Durch die Ereignisse im 20. Jahrhundert ist
Georgiens natürliche Entwicklung als eine der ältesten europäischen Kulturen
abgebrochen worden. Durch die veränderte Weltlage, wie sie nach dem Zerfall der
Sowjet Union entstand, bekam die geopolitische Stellung des Kaukasus erneut
Bedeutung. Wir waren immer der Auffassung, dass europäische Politik im 21.
Jahrhundert wesentlich Kulturpolitik im weitesten Sinne sein sollte. Kultur ist
eine Möglichkeit, auch die oben angesprochenen politischen Krisen besser zu
verstehen.
In der letzten Zeit gab es hin und wieder einige Bemerkungen und Diskussionen
über die Bedeutung
und Funktion der Medien in einer globalisierten Welt. Gerade am Beispiel
Georgien läßt
sich die vereinigende und gleichzeitig trennende Macht der medialen
Berichterstattung sehr anschaulich
dokumentieren. In der Zeit des eisernen Vorhangs und erneut in der Zeit nach der
Perestroika
war Georgien und der Kaukasus eine Terra incognita. Lediglich durch die stark
idealisierte
Gestalt Eduard Schewardnadses rückte das Land zeitweilig in den Fokus der
Weltöffentlichkeit,
um dann schnell wieder in den unendlichen Weiten der postsowjetischen
Unübersichtlichkeit
zu versinken. Durch kriegerische Auseinandersetzungen, wie sie im August dieses
Jahres
ausbrachen, hatte die Berichterstattung über diese Region erneut Konjunktur. Die
Fragen
nach den Hintergründen des Konflikts schufen einen wachsenden Bedarf an
Informationen, die
jedoch aufgrund der Besonderheiten dieser Region und der mangelnden Kenntnisse
nur schwer
zu beschaffen sind. Der auf Informationen aus zweiter Hand und zudem oftmals nur
ungenügend
überprüften Quellen aufgebaute Informationsfluss erwies sich zunehmend als
destruktive Einflusskomponente.
Auch die offenbar mit heißer Feder geschriebenen Artikel und Bücher der
jüngeren Zeit bewegen sich entweder auf dem problematischen Niveau einer
Weltbürgerkriegsdiagnostik
à la Scholl-Latour, oder ergehen sich in ahistorische Sophistereien über
völkerrechtliche
Einzelfragen, die den Leser oftmals ratlos zurücklassen. So groß zweifellos die
Bemühungen
der georgischen Seite waren, die Aufmerksamkeit des Westens zu gewinnen, so groß
ist jetzt die
Befürchtung, dass dieses Interesse sich als zweischneidiges Schwert erweist. Die
anfänglichen
Hoffnungen auf eine stärkere Medienpräsenz weichen zunehmend der Sorge, dass das
kleine
2
Kaukasusland zum Opfer eines oberflächlichen Sensationsjournalismus wird. In
manchen Fällen
muss sogar von einem westlichen Informationskolonialismus gesprochen werden, der
sich auf
zweifelhafte Weise originäre Erfahrungen und Erkenntnisse der Menschen dieser
Region aneignet
und sie seiner Deutungshoheit unterwirft. Das gilt nicht nur für den politischen
Kampf Georgiens
um seine Unabhängigkeit, sondern auch für sein kulturelles Erbe.
Den westlichen Berichterstattern ist oftmals nicht bewusst, dass mit den
politischen, ökonomischen
und kulturellen Umbrüchen in Osteuropa für uns alle eine neue Ära angebrochen
ist, die es
erforderlich macht, unterschiedliche Erfahrungen in einem wechselseitigen
Prozess auszutauschen
und nicht einfach durch die Raster der jeweils überkommenen Kategorienssysteme
zu filtern.
Angesichts des komplexen Ineindergreifens von Finanzkrise und antiquierten
Großmachtambitionen
auf einem ökologisch bedrohten Planeten sind wir erstaunt, mit welch groben und
vorsintflutlichen Begrifflichkeiten die Kaukasusregion belegt wird. Das viel
zitierte und immer
wieder eingeforderte „Neue Denken“ erweist sich für Georgien weiterhin als
leeres Postulat.
Umso schmerzlicher empfinden wir es, dass nun auch das ZDF offenbar auf
möglichst einfache,
schnelle und oberflächliche Antworten setzt. Wir hatten bisher die deutsche
Medienpolitik in
mancher Hinsicht sogar für vorbildlich gehalten und gehofft, dass sie auch in
Georgien Nachahmer
findet. Diese Vorbildfunktion müssen wir leider zunehmend bezweifeln. Wir finden
in steigendem
Maße eine reißerische Bildsprache in der Berichterstattung über den Kaukasus,
der dem
Anspruch einer seriösen Dokumentation nicht gerecht wird. Wir möchten an dieser
Stelle aus
einer Vielzahl nur zwei Sendungen herausgreifen, die vom ZDF im Dezember
ausgestrahlt wurden.
In der am 14.12.2008 ausgestrahlten Sendung „ Machtpoker im Kaukasus “ sollte
uns in Gestalt
einer dramaturgisch geschickt inszenierten Kriegsberichtserstattung der Eindruck
einer vermeintlich
objektiven, den Konfliktparteien gleichermaßen distanziert gegenüberstehenden,
Analyse
der Ereignisse suggeriert werden. Die Genealogie des Krieges setzt in der
üblichen Weise
mit den manifesten Kriegshandlungen im August ein. In einem furiosen
Durcheinander klischeehafter
Bildfolgen wird zwar rhetorisch die Frage, „Wer ist der Gute und wer ist der
Böse“ aufgeworfen,
aber es gelingt nicht, den historischen Kontext zu beleuchten, geschweige denn,
den
Konflikt in einer Entwicklungsperspektive zu deuten. Es bleibt insofern nur der
Eindruck einer
lockeren Zusammenfassung gängiger Interpretationen, Sprachregelungen und
geostrategischen
Allerweltswissens. Uns ist selbstverständlich bewusst, dass in den zur Verfügung
stehenden
fünfundvierzig Minuten keine vollständige Darstellung gegeben werden kann.
Allerdings muss
vier Monate nach Ende der offensichtlichen Kriegshandlungen doch erwartet
werden, dass mehr
als nur die damals benutzten Klischees geliefert werden. Wir möchten in diesem
Zusammenhang
nur einige Punkte ansprechen:
1. Beispielsweise fanden wir es bezeichnend und bedauerlich, dass erneut
einseitig eine Personalisierung
des Konfliktes betrieben wurde. In plakativen Schnittfolgen wurden die Bilder
Vladimir
Putins und Michail Saakaschwilis so montiert, dass der Eindruck entstehen mußte,
als ob
sich zwei völlig gleichartige Machthaber ein Duell liefern würden. Der Präsident
Georgiens wird
einerseits als Negativfigur aufgebaut, andererseits hat das Exklusivinterview
mit dieser tatsächlich
oder vermeintlich zweifelhaften Figur aber einen Stellenwert, der dann nur
schwer zu verstehen
ist. Es wäre doch weitaus leichter gewesen, beispielsweise die russische
Menschenrechtlerin
Tatjana Lokschina (Human Rights Watch), die in der Konfliktregion vor Ort war,
zu befragen.
Die Suche nach Guten und Bösen ließ offenbar auch keinen Raum im bundesdeutschen
Fernsehen für die Handvoll russischer Liberaler, die sich überhaupt noch trauen,
die Außenpolitik
ihrer Regierung zu kritisieren. Das ZDF scheint diese Ressourcen der
Zivilgesellschaft aber
nicht sonderlich interessant zu finden. Worin liegt dagegen der Wert einer
Informationsquelle
3
wie Saakaschwili, die bereits im Vorfeld als parteilich denunziert wurde? Wenn
man lediglich
die Absicht hatte, die personalisierten Kombattanten zu Wort kommen zu lassen,
warum schloss
sich dann in dieser Logik kein Interview mit Präsident Medwedew oder Herrn Putin
an? Vielleicht
wäre es den ZDF-Autoren gelungen, Medwjedev eine ähnliche Aussage, wie er sie am
26.12.08 in einen Interview, in dem er die Kriegsvorbereitungen zugegeben hat,
zu entlocken.
Zudem dürften den verantwortlichen Redakteuren doch bekannt gewesen sein, dass
mittlerweile
die Schweizer Botschafterin Heidi Tagliavini, die persönlichen Vertreterin des
Amtierenden
Vorsitzenden der OSZE für Missionen im Kaukasus, zur Leiterin einer Kommission
zur Untersuchung
der Kriegsursachen berufen wurde. Dafür wurden Mittel in Höhe von 1,6 Millionen
Euro bereitgestellt. Die Untersuchungen sollen bis 31. Juli 2009 abgeschlossen
sein. Es sollte
einem klugen, investigativem Journalismus doch möglich sein, Frau Tagliavani
zumindest einen
Zwischenkommentar zu entlocken. In jedem Fall wäre ein Verweis auf die Arbeit
dieser Kommission
ein Gebot der journalistischen Redlichkeit gewesen. Anstatt über die Einhaltung
des von
Präsident Sarkozy ausgehandelten „Sechs Punkte Plans“ zu berichten und dazu seit
Anfang Oktober
in den Konfliktgebieten tätige EU Beobachter, z.B. den deutschen Diplomaten
Hansjörg
Haber zu befragen, werden erneut offizielle Regierungsvertreter befragt, die im
gleichen Zuge
als parteilich demontiert werden. Auch die Kommentare von David Gamkrelidze,
einem auch in
der georgischen Bevölkerung mehr als umstrittenen Oppositionspolitikers dienen
eher der erneuten,
einseitigen Fokussierung auf den Präsidenten Saakaschwili. Auf diese Weise kann
nur der
Eindruck einer unübersichtlichen Propagandaschlacht entstehen, in der es keine
Wahrheiten gibt.
So nihilistisch sehen wir die Lage aber keineswegs. Die Autoren des Films, Herr
Strumpf und
Frau Gellinek, hätten lediglich, anstatt bereits in der Titelwahl eine
oberflächliche Glücksspielmetaphorik
zu bemühen, die historische Rolle Russlands in dieser Region näher beleuchten
müssen,
um sich und den Zuschauern ganz zwanglos eine Magistrale zur entscheidenden
Erkenntnissen
zu erschließen. Damit sind auch bei die beiden Hauptpunkte unserer Kritik
angelangt: Der
Mangel an historischen Hintergrundinformationen und zudem bestimmte
Sprachregelungen, die
bundesdeutsche Journalisten als scheinbar unbeteiligte Beobachter in einem
Konflikt erscheinen
lassen, in dem sie den Kombattanten äquidistanziert gegenüberstehen.
2. Die Frage, wer den Krieg begonnen hat, läßt sich nur beantworten, wenn auf
die langfristigen
Interessen Russlands in dieser Region hingewiesen wird. Es ist doch
offensichtlich, dass bei der
medial umgesetzten Genealogie eines Krieges der zweifellos immer auch
perspektivisch gesetzte
„Beginn“ von entscheidender Bedeutung ist. Wenn wir den Konflikt lediglich mit
den Ereignissen
im August 2008 anfangen lassen, bekommen wir ein anderes Bild, als wenn wir die
Ursprünge
weiter zurück datieren. Beide Vorgehensweisen sind in jedem Fall
begründungsbedürftig.
Im Beitrag des ZDF wird die erste Perspektive aber ohne Angabe von Gründen
gleichsam
naturwüchsig nahegelegt. Das ist weder im Sinne redlichen historischen
Forschens, noch unter
Gesichtspunkten eines professionellen Journalismus akzeptabel. Es wäre zumindest
darauf hinzuweisen
gewesen, dass viele seriöse Wissenschaftler die unmittelbaren Ursachen des
Konfliktes
zumindest im Jahr 2004 verorten, umfassendere Forschungen einen latenten
Kriegszustand seit
1992 konstatieren und wirkliche Kenner der Region darauf verweisen, dass hier
von einer dritten
Annexion Georgiens durch Russland gesprochen werden kann. Insofern wäre dann der
Konfliktbeginn
sogar mit dem Jahr 1801 (mit dem Folgedatum 1921) anzusetzen.
Wenn man allerdings lediglich den Konflikt zweier wild gewordener Diktatoren ins
Bild setzen
will, dann ist die vordergründige Vorgehensweise des ZDF klug gewählt. Es
entsteht dann der
Eindruck, als ob Russland und Georgien zwei gleichermaßen imperiale Mächte wären
und die
bundesdeutschen Journalisten in der Berichterstattung nur das Credo des
Bundeswehrgenerals
a.D., Klaus Reinhardt, nachvollziehen, der beide Konfliktparteien offenbar für
verdiente Verlierer
hält und lediglich die EU als gestärkt aus dem Konflikt hervorgehen lässt.
Bisher sind wir
davon ausgegangenen, dass Georgiens Weg in den Westen im gemeinsamen Interesse
sowohl
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der USA und der Europäer läge. Der Beitrag im ZDF legt nahe, dass Georgien
lediglich ein kaukasisches
Pendant zu den lateinamerikanischen Bananenrepubliken ist. Eine
überdimensionierte
US-amerikanische Botschaft und nordamerikanische Ausbilder der georgischen Armee
werden
dafür als plakative Belege genommen. Wir möchten in diesem Zusammenhang fragen,
ob ein
analoger Befund für die Bundesrepublik Deutschland, der sich ebenso schnell
herstellen ließe,
im Rahmen eines öffentlich-rechtlichen Senders Akzeptanz fände? Rein sachlich
wird auch hier
übrigens unterschlagen, dass es diese Ausbilder bereits während der Amtszeit
Eduard Schewardnadses
gab, der weit bessere Beziehungen zur russischen Nomenklatura unterhielt als
sein Nachfolger.
Dass zudem georgische Offiziere an Hochschulen der Bundeswehr ausgebildet werden
und Franzosen am Bau von Militärbasen beteiligt waren, wäre immerhin ebenfalls
erwähnenswert
gewesen. Vielleicht sollten sich bundesdeutsche Journalisten von Zeit zu Zeit
einmal daran
erinnern, dass in diesem Konflikt Werte verhandelt werden, die auch ihren
Vorstellungen von
einer freien Berichterstattung zugrunde liegen. Roland Stumpf beschreibt im
Internetbegleittext
zur Sendung den Unmut seiner westlichen Kollegen, die sich über die ständige
Überwachung
und die Hindernisse bei einer objektiven Berichterstattung beschweren. Ihm
selbst ist dazu nicht
viel mehr eingefallen, als leitmotivisch einen Pressesprecher der russischen
Armee als Begleitung
durch den Film zu wählen. Vielleicht hilft das ja, durch den selbstinszenierten
Propagandadschungel
hindurchzufinden, um dann bei „europäischen Interessen“ anzulangen.
3. Neben der Auswahl der Bilder spielen zweifellos bestimmte, immer wieder
benutzte Redewendungen
eine entscheidende Rolle, um eine Situation in ihrer Bedeutung festzulegen. Herr
Strumpf und Frau Gellinek haben dazu von Anfang an Phrasen, wie „zerrissenes
Land“ und „unruhiger
Kaukasus“ gewählt, um eine offenbar an sich schon instabile und durch ethnische
Konflikte
charakterisierte Region zu beschreiben. Untermahlt mit den entsprechenden
Bildern des
August entsteht der Eindruck einer bemitleidenswerten, aber auch unheimlichen
Bürgerkriegsregion,
deren Konflikte für den bundesdeutschen Medienkonsumenten fern und trotzdem
bedrohlich
wirken. Es wird nicht zum ersten Mal der Eindruck erweckt, als würden hier
halbwilde kaukasische
Bergvölker die alten Großmächte in einen Konflikt ziehen, der für die
bundesdeutsche
Gemütlichkeit gefährlich werden könnte. Das Ringen dieser Völker um eine
halbwegs unabhängige
und kontinuierliche Entwicklung wird dabei nicht mehr sichtbar.
So wird der erst 1922 von bolschewistischen Organisationen kreierte Begriff
„Südossetien“ völlig
fraglos übernommen und perpetuiert. Zu dem damaligen Zeitpunkt lebten lediglich
drei ossetische
Familien in Zkhinwali. Gleichzeitig verschiebt man durch die andauernde
Wiederholung
des Begriffs „Kerngeorgien“ die historischen Grenzen des Landes und bereitet
damit semantisch
die Zerstörung der völkerrechtlich verbürgten Souveränität und Integrität
Georgiens vor. Traditionell
ist die Region „Schida Kartli“, für die nun der Ausdruck „Südossetien“ gebraucht
wird,
„Kerngeorgien“. Es steht den verantwortlichen Journalisten frei, im klar
ausgewiesenen Kommentar,
den Georgiern den Verzicht auf diese Region nahe zu legen. Hier wird aber mit
einer
schleichenden Bedeutungsverschiebung der medialen Propaganda Russlands Vorschub
geleistet.
Wir möchten davon ausgehen, dass dies Herrn Strumpf und Frau Gellinek und vielen
anderen
bundesdeutschen Journalisten nicht bewusst ist. Nichtsdestotrotz müssten sie
wissen, dass mit
Bezeichnungen Geschichtspolitik betrieben wird. Wir erwarten keineswegs, dass in
diesem Zusammenhang
in jedem Fall den georgischen Quellen und deren Interpretation gefolgt wird. Ein
seriöser Journalismus muss aber den semantisch umkämpften Charakter dieser
Bezeichnungen
zumindest erwähnen.
Andere, scheinbar unverfängliche Bedeutungsverschiebungen möchten wir an dieser
Stelle nicht
alle aufführen. Wenn aber Alexander Lomaia, der Sekretär des georgischen
Nationalen Sicherheitsrates,
nun unbedingt zum „Chef des mächtigen Sicherheitsrates“ avancieren muss, werden
erneut Konnotationen nahegelegt, die zumindest deutlich gemacht werden sollten.
Inwiefern ein
für die Verteidigung zuständiges Exekutivorgan eines teilweise okkupierten
Landes nun gerade
5
„mächtig“ genannt werden kann, ist doch begründungsbedürftig. Dass die
zuständigen Journalisten
um diese semantische Problematik wussten, geht aus dem Interview mit der
sogenannten
Kaukasusexpertin Marietta König hervor, die allerdings nur auf den von beiden
Konfliktparteien
gerne bemühten „Faschismusvergleich“ aufmerksam machte und damit wieder nur das
Argumentationsklischee
des Films von den gleichwertigen Streithähnen bediente. Frau König wurde
übrigens in kurzer Zeit zu der Expertin des Konflikts, die von den
bundesdeutschen Medien
wohl vor allem deshalb so gerne frequentiert wurde, weil sie deren scheinbare
Äquidistanz zu
den Konfliktparteien mit ihren Kommentaren vollauf bediente.
Selbst wenn wir voraussetzen, dass es den ZDF-Journalisten nicht um eine
anspruchsvolle historische
und semantische Analyse des Georgienkonfliktes ging, was aufgrund der zeitlichen
Limitierung
des Formats durchaus schwierig ist, bleibt die Vorgehensweise eigentümlich
eindimensional.
Auch wenn das Ziel lediglich in der Darstellungen der unmittelbaren
Kriegsursachen und
-geschehnisse im August besteht, wären beispielsweise folgende Themen unbedingt
zu behandeln
gewesen:
1. Die hohe Konzentration russischer Truppen an der georgischen Grenze bereits
im
Mai/Juni.
2. Die im Juli durchgeführten Militärübungen (Pressemeldung von 04.07.08 IA
REGNUM),
in denen Georgien der explizite Gegner war. In diesem Zusammenhang wären auch
die
Übungen im gesamten Südbezirk und in den nordossetischen Bergen unter der
Leitung
von General Vladimir Propichev, dem stellvertretenden FSB Direktor zu nennen.
3. Im Vorfeld hatten bereits 2002 Militärübungen der 58. Armee in Vladikavkaz
stattgefunden,
potentieller Gegner: Georgien. 2006 führte die gleiche Armee breit angelegte
Übungen
in Kabardino-Balkarien, Inguschetien, und Nordossetien durch. An den Übungen mit
der Name “Kaukaz 2008” nahm die 58. Armee zusammen mit der 76. Division „pskov“
teil. Diese Division ist in Nalchik (Balkarien) stationiert. Nach den Übungen
(am 2. August)
sind sie in Saramage (hinter Djava) geblieben (Meldungen “Krasnaja Zvezda”).
4. Unterschiedliche Verlautbarungen offizieller und halboffizieller Stellen, aus
denen ein
unmittelbar bevorstehendes Eingreifen russischer Truppen im Kaukasus hervorging.
5. Der Abschuss von drei russischen Drohnen (vor und nach dem Krieg). Im
Filmbeitrag
werden lediglich georgische Drohnen erwähnt.
6. Die Hackerangriffe auf georgische Websites.
7. Die Informationen von Human Rights Watch, wonach die Zerstörungen in
Zchinwali erst
nach dem georgischen Rückzug stattgefunden haben.
8. Überprüfung des „Sechs Punkte Plans“, über den kein Wort verloren wird.
Herr Strumpf und Frau Gellinek fanden es offenbar nicht notwendig, diesen
Informationen und
Hinweisen nachzugehen. Insofern sind sie nicht einmal den elementarsten
Voraussetzungen einer
auch nur oberflächlichen Berichterstattung nachgekommen. Es ist trivial, dass
die täglichen
Nachrichten einer solch komplexen Region wie dem Kaukasus mit einer Vielzahl von
Sprachen
und Glaubensrichtungen nicht gerecht werden können. Wenn aber die Recherchen
immer wieder
auf gleiche Art geführt, immer dieselben Quellen einseitig benutzt und
standardisierte Redewendungen
und Sprachregelungen übernommen werden, dann wird ein komplexeres,
differenzierteres
Bild wohl nie entstehen. Mittlerweile sollte die Zeit der begrifflichen
Richtigstellungen und
des Kampfes um Definitionen vorbei sein. Anstatt einen Kulturkampf um Begriffe
zu forcieren,
wäre es wichtiger, einen Begriff von dem zu entwickeln, was in der
Perestroikazeit einmal mit
dem „Allgemeinmenschlichen“ bezeichnet wurde. Dies scheint uns ein wichtigeres
Problem zu
sein als die globale Geopolitik, in der Georgien zunehmend nur noch als einer
der Schauplätze
des ost-westlichen Machtpokers auftaucht. Durch die Ereignisse im 20.
Jahrhundert ist Geor6
giens natürliche Entwicklung als eine der ältesten europäischen Kulturen
abgebrochen worden.
Durch die veränderte Weltlage, wie sie nach dem Zerfall der Sowjet Union
entstand, bekam die
geopolitische Stellung des Kaukasus erneut Bedeutung. Für die westlichen Medien
sollte es doch
eine Herausforderung sein, gerade einem Land wie Georgien, mit seiner
eingeständigen Kultur,
zu helfen, den Anschluss an das globale Bewusstsein zu finden. Leider sind
hierzulande selbst
Dokumentationen, die eigentlich kein negatives Bild vermitteln und das eine oder
andere Themen
aufgreifen (z.B. anspruchsvolle Reportagen von Fritz Pleitgen oder Autorenfilme
von Ruth
Ocman und Stefan Tolz), in dieser Hinsicht oftmals kontraproduktiv. Da es keine
entwickelte
demokratische Kommunikation und Perspektivenverschränkung zwischen deutschen und
georgischen
Kulturproduzenten bzw. –rezipienten gibt, werden die selektiven Ausschnitte der
Autoren
oftmals zum einseitigen Gesamtbild stilisiert. Quellen und deren
Repräsentativität werden oftmals
kaum kritisch reflektiert. Die viel zitierte Autorensicht lässt die georgische
Kultur zur exotischen
Ressource werden, mit deren Hilfe der Autor sich weltläufiges Profil verschafft.
So würde doch wohl kaum ein Deutscher eine Berichterstattung über Kreuzberg, bei
der nur
Personen aus Szenekneipen interviewt werden, als repräsentatives Bild der
gesamten Bundesrepublik
gelten lassen. So ist vermutlich auch nur den wenigsten Deutschen bewusst, dass
sie zu
Hause zum Weihnachtsfest keineswegs die „Nordmann Tanne“ stehen haben, sondern
die „kaukasische
Fichte“. Und wer ist sich schon darüber im Klaren, dass die Bezeichnung eines
viel
konsumierte Wein (Vino Gvino) auf ein georgisches Wort zurückgeht, was in jedem
Lexikon
steht. Solche Aufklärungen wären aber bereits kleine Schritte, um das hiesige
Publikum für die
Kaukasusregion zu sensibilisieren. Uns geht es keineswegs um eine einseitig
nationale Sichtweise.
Wir sind vielmehr der Auffassung, dass eine Einbettung der Themen in globale
Kontexte und
eine wechselseitige Betrachtungsweise überhaupt erst die multidimensionale
Bedeutung der behandelten
Region erkennbar werden lässt. Gerade weil Georgien nicht in eine europäische
Öffentlichkeit
integriert ist, bekommen die Beiträge einzelner Autoren eine besondere
Bedeutung.
Die Herausforderung der Medien ist in diesem Fall besonders groß.
Fast noch schmerzlicher hat uns die Dokumentation von Peter Prestel „Abenteuer
Wissen“ berührt.
Obwohl sich der Beitrag auf dem scheinbar unverfänglichen Gebiet „Kultur“
bewegt, ist er
für den Umgang bundesdeutscher Medien mit Georgien fast noch symptomatischer.
Die in den
hiesigen Medien als hochaktueller Sensationsfund verkauften archäologischen
Entdeckungen
altertümlicher Goldminen, die den gesamten vorderorientalischen Raum versorgten,
gehen auf
Ausgrabungen zurück, die in der Region bereits seit 1958 durchgeführt wurden. In
den Jahren
1982/83 wurden die Minen von georgischen Geologen entdeckt. Seit 1997 bestehen
Kontakte
zum Bochumer Bergbau Museum, mit dem gemeinsame Projekte durchgeführt wurden.
Die sensationelle
Datierung der Funde des Projekt „Die Goldmine“ stammt von Frau Dr. Irina
Gambaschidze.
Der im Film als Entdecker dargestellte Bergbau-Archäologe Herr Prof. Thomas
Stöllner
ist einer der Mitarbeiter des Projekts, der zunächst mit Skepsis in das Projekt
eingestiegen ist und
die Datierung der georgischen Kollegen bis vor kurzem nicht geteilt hat. Es
handelt sich um ein
von der VW Stiftung finanziertes Projekt, Die Stiftung bietet seit Jahren den
Kaukasus als Thema
in Ihrem Förderprogramm an. Das ist eine sehr begrüßenswerte Möglichkeit, diese
komplexe
Region in Deutschland wissenschaftlich zu erforschen. Das Zustandekommen
bilateraler Projekte
und die Teilnahme deutscher Forscher sind wichtig für die Verständigung, die mit
dem oben
erwähnten Beitrag gefährdet wird. Wir sind sicher, dass diese Art der
Darstellung weder im Sinne
der deutschen Teilnehmer noch für eine Zusammenarbeit bei internationalen
Projekten hilfreich
sein kann.
Offenbar darf die georgische Politik und Kultur nur in einer bestimmten medialen
Vermittlung
durch bundesdeutsche Medien existieren, so wie sie zu sowjetischen Zeiten nur in
der prismatischen
Brechung durch die russische Sprache und Kultur in die Weltöffentlichkeit
gelangte. Of7
fenbar ist Georgien nur als exotischer Gegenstand interessant, der sich
eilfertig in eine bestimmte
Weltordnung einzuordnen hat. Der harte Überlebenskampf der Georgier und ihre
kulturellen und
wissenschaftlichen Leistungen sind dabei sekundär. Die deutschen Medien geben
sich gerne den
Anschein, ein ehrlicher Makler, ein objektiver Faktor zwischen Ost und West zu
sein. Die beiden
Sendungen des ZDF sprechen eine andere Sprache.
Wir waren immer der Auffassung, dass europäische Politik im 21. Jahrhundert
wesentlich Kulturpolitik
im weitesten Sinne sein sollte. Kultur ist eine Möglichkeit, auch die oben
angesprochenen
politischen Krisen besser zu verstehen. Ohne Berücksichtigung der kulturelle
Eigenarten
werden politische Entscheidungen kaum erfolgreich sein können. Die Medien
sollten gerade in
diesem Bereich ihre große Verantwortung für eine Verständigung der Kulturen
wahrnehmen und
helfen, die gemeinsamen europäischen Wurzeln zu entdecken. Eine kulturelle
Enteignung der
Osteuropäer durch die Westeuropäer dient diesem Ziel wohl kaum. Ein
vordergründiger Sensationsjournalismus
kann hier viel Vertrauen zerstören und auch politisch problematische Folgen
haben. Eine Zusammenarbeit auf der Grundlage gemeinsamer kultureller Werte ist
doch nahezu
die einzige Chance, die moderne Krise gemeinsam zu überwinden. Hierzu sollte
doch die Gesellschaft
ihre Kräfte mobilisieren. Es ist doch eine zentrale Aufgabe der Medien,
gesellschaftliche
Prozesse in diese Richtung zu lenken
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