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Einführung in das Land von georgischen Märchen Den Völkern der Welt sind die Georgier unter verschiedenen Namen bekannt. Die Perser nennen sie Gürdshi, die Russen Grusinier, und die deutschsprachigen Völker bezeichnen sie seit alten Zeiten als Georgier. Sie selbst haben sich den Namen Kartweli gegeben, und ihr Land heißt Sakartwelo nach dem zentralen Landesgebiet Kartli, So bezeichnete man in älterer Zeit häufig auch das gesamte Georgiers. Seit wann die Georgier in ihrer heutigen Heimat leben, läßt sich nicht genau sagen. Fest steht nur, daß Transkaukasien und somit auch Georgien schon in der Altsteinzeit von Menschen besiedelt war. Die Georgier unterscheiden sich sprachlich von den sie umgebenden indoeuropäischen, semitischen, altaischen, abchasisch-adyghischen und nachisch-daghestanischen Völkern. Ihre Sprache zählt gemeinsam mit dem eng verwandten Mingrelischen, Lasischen und Swanischen zur Familie der Kartwelsprachen, deren weitere genetische Zusammenhänge sich höchstens unter den ausgestorbenen Sprachen des alten Vorderasien vermuten lassen. Die älteste nachweisbare georgische Stammesvereinigung bestand im Südwesten des kartwelischen Siedlungsgebietes und ist unter dem Namen Diaochi bekannt. Das eisenreiche Diaochi fiel im 8. Jahrhundert v. u. Z. den Einfällen der Urartäer von Süden und der Kolcher von Norden zum Opfer. Kolcha stellte eine mächtige Vereinigung kartwelischer Stämme an der Ost- und Südostküste des Schwarzen Meeres dar, die durch die Einverleibung von Teilen Diaochis weiter an Macht gewann. Die Urartäer führten erfolglos Krieg gegen die Kolcher und mußten zusehen, wie Ihr nördlicher Nachbar, der sich selbst Egrisl nannte und den griechischen Seefahrern wohlbekannt war, bedrohlich erstarkte. Doch Ende des 8. Jahrhunderts überrannten die kriegerischen Kimmerer und Skythen das Land und vernichteten Kolcha. Im 6. Jahrhundert v. u. Z. entstand in Westgeorgien der georgische Staat Kolchis, nur wenig später bildete sich auch in Ostgeorgien ein eigenes Staatsgebilde heraus Iberien. Mit Kolchis, einem für damalige Zeiten hochzivilisierten Land, verbanden das antike Griechenland schon in frühesten Zeiten Kontakte, ein Abglanz davon ist uns in den Sagen von Prometheus und den Argonauten überliefert. Die Wirtschaft der Kolchis war hochentwickelt: die Bewohner bauten Getreide, Wein und andere Früchte an, betrieben Imkerei und hielten Rinder. Kolchisches Leinen war durch seine Güte in der antiken Welt berühmt, der Goldreichtum des Landes fand Eingang in die Sagenwelt. Die Griechen, die es bald In dieses blühende Staatswesen lockte, legten an der Küste der Kolchis Handelsniederlassungen an, die sich zu pulsierenden Städten entwickelten. So entstanden Trapezunt, Phasis (Poti), Dioskurias (Suchumi),Pitiunt (Bitschwinta) und andere. Die Silbermünzen des kolchischen Staates, >Kolchuri Tetri< genannt, fanden weite Verbreitung im Gebiet des östlichen Mittelmeeres. Im Osten Georgiens entstand unter ständiger Bedrohung durch die Perser das Reich Iberien mit der Hauptstadt Mzcheta. Nach der Vernichtung des Perserreiches durch .Alexander den Großen konnte sich Iberien ungehindert entfalten und seine Grenzen weit nach Südwesten und Osten ausdehnen. In den städtischen Zentren wie Urbnisi, Odsrqe und vielen anderen blühten Handwerk und Handel. Den Römern, die im I. Jahrhundert v. u. Z. mit ihren Truppen Kleinasien und Transkaukasien verwüsteten, setzten die Iberer so gewaltigen Widerstand entgegen, daß sich der Feind gezwungen sah, das Land zu verlassen. Die Römer wandten sich der Kolchis zu und errichteten dort ihre Herrschaft. Während die Kolchis Rom Untertan war, zeichneten sich die Beziehungen zwischen Rom und Ostgeorgien durch Partnerschaft in einem Militärbündnis aus.
In den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung entwickelte sich in Georgien der Feudalismus. Gleichzeitig drang allmählich das Christentum ein, das In der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts unter König Mirian offiziell anerkannt wurde. Die erste Kirche, aus Holz erbaut, wird König Mirian zugeschrieben. Sie soll an der gleichen Stelle gestanden haben, wo sich heute in Mzcheta der Sweti-Zchoweli-Dom erhebt. Nach der Erhebung des Christentums zur Staatsreliglon entfachte Persien erneut seine Angriffstätigkeit gegen Ostgeorgien und erlangte bisweilen die absolute Vorherrschaft. Die Westgeorgier vermochten erst im 4. Jahrhundert das Joch der römischen Fremdherrschaft abzuschütteln und die römischen Truppenteile zum Abzug zu zwingen. Waren Im alten Reich Kolchis die Mingrelier führend gewesen, so traten jetzt die ihnen nahe verwandten Lasen, ein kartwelischer Stamm an der Südostküste des Schwarzen Meeres, ihre Nachfolge an. Die Lasen dehnten ihr Herrschaftsgebiet über die zentrale Kolchis bis In die Ländereien der Abchasen und Swanen aus und schufen einen neuen Staat, Lasika. Das Königreich Lasika konnte sich einer blühenden Wirtschaft rühmen. Seine Hauptstadt Archeopolis und die Städte Kutaisi, Phasis, Warziche und viele andere gewannen an Bedeutung. Das Christentum, das in Ostgeorgien schon Staatsreligion geworden war, breitete sich auch hier rasch aus und wurde im Jahre 523 zur Staatsreligion erklärt. Mit dem römischen Reich war Lasika nur noch freundschaftlich verbunden. In den folgenden Jahren hatte Georgien ständige Angriffe der Perser und Byzantiner abzuwehren. Es stürzte ans einem Krieg in den anderen, von einer Fremdherrschaft in die andere. Perser und Byzantiner machten sich gegenseitig die reiche Beute streitig. Das georgische Volk aber bezahlte die Gier der Eroberer mit seinem Blut. Allmählich gewann Byzanz die Oberhand, und 627 vertrieben die Öströmer die Perser aus der Festung von Tbilissi. Damit befand sich ganz Georgien unter dem Einfluß von Byzanz. Doch die byzantinische Herrschaft währte nicht lange. Neue Eroberer traten auf den Plan, die riesige Ländereien unterwarfen und den Einfluß von Byzanz zurückdrängten. Die Araber tauchten das erste Mal in den Jahren 643 bis 648 in Georgien auf, doch sie erlitten eine Niederlage und mußten wieder abziehen. Als sie 654 erneut mit Heeresmacht anrückten, bot ihnen der Herrscher von Kartli reiche Geschenke und einen Waffenstillstand an. Die Araber gaben sich mit der Auferlegung einer Steuer zufrieden. Doch als Georgien sich gegen erneute Angriffe der Byzantiner von Westen und der Chasaren von Norden zu verteidigen hatte und äußerst geschwächt aus diesen Kämpfen hervorging, drangen die Araber wiederum in Georgien ein und unterwarfen, wenn auch nur für kurze Zeit, Westgeorgien. Besonders festen Fuß faßten sie in Innerkartli, während sich die gebirgigen Randgebiete Georgiens ihrer Kontrolle entzogen. Selbst in Kartli, wo sich die Araber am sichersten fühlten, flammten ständig neue Aufstände gegen ihre Herrschaft auf. Das freiheitsliebende georgische Volk fand sich nie mit der fremdländischen Unterdrückung ab. Ende des 8. Jahrhunderts hatte die Araberherrschaft %in Georgien ihren Höhepunkt überschritten. Es entstanden auf dem Boden Georgiens neue Staatsgebilde, die die arabische Herrschaft zum Wanken brachten. Die Fürstentümer Kachetien und Heretien kämpften gegen die fremden Eindringlinge. Gleichzeitig entstanden in Westgeorgien zwei mächtige Staaten, Abchasien und Tao-Klardsheti, die den Arabern gefährlich werden konnten. Um ihren Einfluss zu erhalten, entsandten die Araber 914 nochmals ein starkes Heer nach Georgien, das große Landesteile in Kachetien, Samzche und Dshawacheti verwüstete. Doch der Niedergang der arabischen Großmacht war unaufhaltsam. Im Südwesten Georgiens wuchs durch die kluge Politik Aschot Kuropalats Tao-Klardsheti zu einer Macht, die ganz Georgien vereinen konnte. Die Dynastie der Bagratiden vermochte Ende des 10. Jahrhunderts weite Gebiete Georgiens zu vereinigen, so daß faktisch nur Kachetien, Heretien und das Emirat von Tbilissi außerhalb des Bagratidenreiches lagen. Als zu Beginn des n. Jahrhunderts auch Kachetien und Heretien dem georgischen Staatswesen zugeordnet werden konnten, war die Vereinigung Georgiens bis auf das Emirat von Tbilissi abgeschlossen. Doch die Vollendung der Einheit Georgiens stieß auf große Hindernisse. Die mächtigen Fürsten suchten ihre eigene Hausmacht zu stärken und bekämpften das Königshaus. Immer wieder fielen Fürstentümer vom georgischen Staat ab und konnten erst nach harten Kämpfen abermals zur Botmäßigkeit gezwungen werden. Hinzu kamen die Einmischungsversuche seitens Byzanz und schließlich das Erscheinen der Seldschuken. Diese türkischen Eindringlinge überfluteten, aus Asien kommend, das Land, verwüsteten die Südgebiete, zogen sich wieder zurück und verheerten einige Jahre später die Ost- und Zentralgebiete Georgiens. Als sich diese Einfälle im Jahre 1080 in großem Maßstab wiederholten, gelang es den Türken, Georgien in ihre Gewalt zu bringen. Der Grund für die Niederlage der Georgier war die Uneinigkeit der Fürsten, denn das Volk war gewillt, den Eroberern Widerstand zu leisten.
In dieser schweren Zeit bestieg einer der bedeutendsten georgischen Könige den Thron, Dawit IV. (1089 bis 1125). Dawit ging unter dem Namen >der Erbauer< in die georgische Geschichte ein. Als .er die Königswürde erlangte, war er erst 16 Jahre alt. Er übernahm ein verwüstetes Land, in dem die Türken schalteten und walteten. Dawit IV. sorgte daher zuallererst für gut ausgerüstete Truppen, mit denen er die nomadisierenden Türken ständig bedrängte. Gleichzeitig hatte er gegen die mächtigen Fürsten zu kämpfen, die gegen die Stärkung der Königsmacht auftraten. Dawit IV. gelang es, fast ganz Georgien von den Türken zu befreien. Bei diesen Kämpfen stützte er sich vor allem auf den niederen Adel, die Städte und ein aus dem Nordkaukasus in Sold gestelltes Kiptschakenheer, das aus 40000 Reitern bestand. Doch die Türken, die rings um Georgien starke Positionen innehatten, gaben sich noch nicht geschlagen. Sie drangen mit einem großen Heer in Richtung Innerkartli ein, wurden aber in der Schlacht von Didgori vernichtend geschlagen. Nach diesem Sieg war der Weg zur Befreiung von Tbilissi geebnet. Im Jahre 1122 eroberte das georgische Heer Tbilissi zurück, das seit Beginn der Araberherrschaft in ausländischer Hand gewesen war. Damit hatte Dawit der Erbauer das große Werk der Einigung und Befreiung Georgiens vollendet. Die georgischen Truppen befreiten auch die armenische Hauptstadt aus türkischer Gewalt. So war der georgische Staat unter Dawit IV. zu einer bedeutenden politischen Macht in Vorderasien geworden. Unter seiner Führung blühte die Wirtschaft des Landes auf. Dawit ließ Brücken und Straßen anlegen und förderte den Bau starker Befestigungsanlagen. In seiner Regierangszeit nahm die gesamte Kultur des Landes einen raschen Aufschwung. Unter Dawits Nachfolgern führte Giorgi III (1156 bis 1184) die Politik der Stärkung des georgischen Staatswesens konsequent fort. Er setzte sich energisch und erfolgreich gegen die unter Demetre I. wieder gegen Georgien vorgehenden Türken zur Wehr und konnte auch den aufrührerischen Hochadel in die Knie zwingen. Da Giorgi III. keinen Sohn hatte, setzte er schon zu Lebzeiten seine Tochter Tamar als Mitregentin ein. Giorgi hinterließ seiner Tochter einen straff geführten, mächtigen Staat, in dem Wirtschaft und Kultur einen hohen Stand erreicht hatten. Trotzdem stieß Tamar schon zu Beginn ihrer Herrschaft auf erhebliche Schwierigkeiten. Die großen Fürsten wollten Tamar ihren Willen aufzwingen. Mit viel Geschick brachte es die Königin zuwege, den Staat ohne große Wirren weiterzuführen. Die Regierungszeit Tamars (1184-1213) war von bedeutenden außenpolitischen Erfolgen, aber auch von großen Zugeständnissen an den Adel gekennzeichnet. Erst unter Tamar erreichte der georgische Feudalstaat seine höchste Blüte. Georgien wurde der mächtigste Staat in Vorderasien. Militärisch hatte Georgien nun keinen ebenbürtigen Gegner mehr. In der Schlacht von Schamkori wurden die Truppen der Türken vernichtend geschlagen, und wenige Jahre später wurden die Byzantiner in Kleinasien besiegt und an der Südküste des Schwarzen Meeres ein Vasallenstaat geschaffen, In dem die Georgier einen Komnenen als Imperator einsetzten. Als das Sultanat Rum gegen Georgien auftrat, wurde den Türken wiederum eine große militärische Niederlage beigebracht, die als Schlacht von Basiani in die Geschichte einging. Aus diesen siegreichen Kriegen war Georgien als stärkste Militärmacht des Nahen Ostens hervorgegangen. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts hatte Georgien ganz Transkaukasien und die nördlich angrenzenden Gebiete unterworfen. Seine Grenzen reichten vom Schwarzen Meer bis zum Kaspischen Meer.
Unter Tamars Nachfolgern erwuchs Georgien eine neue, große Gefahr. Aus den Steppengebieten Innerasiens kamen die mongolischen Reiterhorden gezogen, die auf Ihrem Weg nach Westen alle Länder mit Krieg überzogen und grässlich verwüsteten. Tamats Sohn Lascha Giorgi verstand es, die Angriffe der Mongolen abzuwehren, doch unter seiner Schwester Rusudan, die Ihm auf dem Thron folgte, brach gewaltiges Unhell über Georgien herein: Zuerst verheerten die Choresmier In mehreren Kriegszügen das Land, dann wurde es von den Mongolen vollends unterjocht. Die Hochkultur, die Georgien im 12./13. Jahrhundert erreicht hatte, brach jäh ab. Wirtschaftlicher und kultureller Niedergang folgte auf eine Epoche, In der Georgien ökonomisches und geistiges Zentrum des Fortschritts gewesen war. Bis in das 14. Jahrhundert dauerte die Mongolenherrschaft, und als sich die Macht der Mongolen erschöpft hatte, musste sich Georgien dauernder Angriffe der Türken und Perser erwehren. In dieser Zeit zerfiel der georgische Staat In einzelne Königreiche und Fürstentümer. Die Zersplitterung Georgiens wurde erst durch die Okkupation des zaristischen Russlands beendet. Zwar fehlte es von georgischer Seite nicht an Versuchen, die staatliche Einheit wiederherzustellen, doch scheiterten sie sämtlich am Widerstand der Fürsten und an der Einmischung äußerer Feinde. Die ständigen Abwehrkämpfe gegen die islamischen Türken und Perser ließen das georgische Volk ausbluten und brachten es an den Rand des Untergangs. Unter diesen Bedingungen erachtete es der König von Kartli und Kachetien, Erekle II., als notwendig, mit dem christlichen Russland einen Schutzvertrag abzuschließen. 1784 wurde dieser Vertrag feierlich unterzeichnet. Doch die zaristischen Machthaber nahmen es mit der Einhaltung der eingegangenen Verpflichtungen nicht ernst. Des öfteren sah sich Georgien doch wieder allein seinen Feinden gegenüberstehen, bis Russland nach dem Tode Giorgi XII. im Jahre 1801, somit den Vertrag brechend, Georgiens Eigenstaatlichkeit aufhob.
Obwohl die Zeit der rassischen Besetzung von ständigen Aufständen gegen die Fremdherrschaft gekennzeichnet war, konnte sich das georgische Volk erst nach dem Sturz des Zarismus aus dem zaristischen Völkergefängnis befreien und seine staatliche Selbständigkeit wiedererlangen. Am 25. Februar 1921 wurde die Sowjetmacht in Georgien ausgerufen. Heute ist Georgien eine souveräne sozialistische Sowjetrepublik, die sich mit 14 anderen Sowjetrepubliken zur Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zusammengeschlossen hat. Georgien zählt zwar zu den kleinen Republiken der Sowjetunion, doch seine kulturelle Bedeutung In der Menschheitsgeschichte Ist ungleich größer. Die .geographische Lage Georgiens an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien hat es wie kaum ein anderes Land zum Mittler wirtschaftlicher und kultureller Güter beider Erdteile werden lassen. Auch die georgische Literatur war europäischen und orientalischen Einflüssen unterworfen. Aus beiden Richtungen wurden Impulse aufgenommen und verarbeitet. Die georgische Literatur wurde jedoch nicht zum bloßen Nachahmer dessen, was von außen hereindrang, sondern sie behielt Ihr eigenes Gepräge, gliederte die neu hinzugekommenen Impulse ihrem Gefüge ein und gestaltete die eigene Substanz unter Verwertung der fremden Anregungen zu neuen, eigenständigen künstlerischen Werken. All das trifft auch auf die Volksdichtung zu und In besonderem Maße auf die Märchen. Obwohl die erhalten gebliebene georgische Literatur eine tausendfünfhundertjährige Geschichte besitzt, Ist die Folklore erst recht spät belegt. Zwar haben literarische Werke des 12./13. Jahrhunderts wie Mose Chonelis Ritterroman >Amitandaredshanlani<, Schota Restawelis Epos >Wepchistqaosani< und andere Werke aus der georgischen Folklore geschöpft, doch mit dem Sammeln georgischer Volksdichtung begann man erst im 17. Jahrhundert, als der neapolitanische Missionar Bernarde, der einige Jahre in. Georgien wirkte, eine Reihe georgischer Märchen aufzeichnete. In die nun allmählich reger werdenden Bestrebungen, sich der georgischen Folklore zuzuwenden, ist auch Sulchan-Saba Orbelianis Buch >Die Weisheit der Lüge< einzuordnen, wo zahlreiche georgische Märchenmotive Eingang fanden. Das Sammeln georgischer Märchen in großem Maßstab und ihre wissenschaftliche Erforschung ist eng mit der realistischen Literaturströmung der Tergdaleuli verbunden, die in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts hervortrat und die Führung der nationalen Befreiungsbewegung des georgischen Volkes gegen die Herrschaft des Zarismus übernahm. Dichter und Schriftsteller wie Ilia Tschawtschawadse, Akaki Zereteli, Iakob Gogebaschwili, Rapiel Eristawi, Aleksandre Qasbegi und Washa-Pschaweia, die sich in ihrem Ringen um die Wiedergeburt des georgischen Nationalbewusstseins auf das reiche mündlich überlieferte Volksschaffen besannen, wandten sich den verschiedenen Genres der Folklore zu. In der Presse der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, vor allem in den Blättern >Iweria<, >Kwali<, >Droeba< und >Moambe<, wurden häufig von ihnen aufgeschriebene Werke der Folklore veröffentlicht. Doch in zaristischer Zeit war das Veröffentlichen georgischer Märchen unsäglich schwer, denn es gehörte zur Praxis des Zarismus, mit der Unterdrückung anderer Nationen auch deren Geistesschaffen und kulturelle Traditionen zu vernichten. Deshalb konnten trotz angestrengter folkloristischer Sammeltätigkeit in dieser Zeit nur wenige Bände georgischer Märchen erscheinen: 1890 ein kleiner Band, den Wladimer Aghniaschwili herausgab, 1893 ein swanisches Märchenbuch, 1895 eine Ausgabe von Ozchaneli, seit 1897 mehrmals Akaki Zeretelis Märchensammlungen in dem von ihm verlegten >Krebuli< und 1902 ein Märchenbuch des >Kreises georgischer Frauen<, dem 1903 ein zweiter Band folgte. Im gleichen Jahr erschienen Märchenausgaben von Merkwiladse und Gatschetschiladse. Tedo Rasikaschwili, ein Bruder Washa-Pschawelas und einer der bedeutendsten Folkloresammler überhaupt, versuchte seit Anfang der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts vergeblich, seine Materialien in Buchform herauszugeben. Erst 1909 gelang es ihm, zwei Märchenbände zu veröffentlichen. Petre Umikaschwili, der seit 1863 georgische Volksdichtung sammelte und überaus vielseitiges Material zusammenstellte, konnte die Publikation seines Lebenswerkes nicht mehr erleben. Als er 1904 starb, war nur ein verschwindend kleiner Teil seiner Arbeit veröffentlicht, erst nach der Befreiung Georgiens vom Zarismus wurde seine gesamte Kollektion, darunter auch seine Märchen, herausgegeben. Der Großteil der in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts von Folkloristen edierten Volksdichtung ist auf verschiedene Publikationen verstreut. Die von Matschabeli, Mirianaschwili, Bakuradse (Pseudonym: Kartweli Osebschi), Kalandadse, Merkwiladse, Dshanaschwili und Rostomaschwili gesammelten Märchen sind in verschiedenen Zeitschriften und Sammelbänden und nur in wenigen Fällen als kleine Märchenbände erschienen. . Erst Ende der dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts begann in der Georgischen SSR eine rege Verlagstätigkeit, die auch zur Publikation einer großen Zahl von Folkloretexten führte, deren Herausgeber meist Folkloristen und Sprachwissenschaftler waren. 1938 erschienen Märchenbände von Nakaschidse, Tschikowani und Sicharulidse, 1948 von Ghlonti, 1949 von Wirsaladse, 1952 von Tschikowani, 1952 von Ghlonti, 1956 von Tschikowanl, 1957 von Ghlonti und Wirsaladse, 1963 von Tschikowani, 1964 von Umikaschwili, 1970 von Sichatulidse, 1974 von Ghlonti und 1977 von Ketelauri. Hinzu kommen zahlreiche Märchen in Dialektsammlungen, zuletzt die von Dsidsiguri 1974 verlegten „Materialien zur georgischen Dialektologie“. Diese georgischen Märchensammlungen ermöglichen einen ausgewogenen Einblick in den Charakter jener Märchenwelt. Im Unterschied zum übrigen georgischen Literaturschaffen wird im Märchen sehr stark symbolisiert, ein Verfahren, das auf ein hohes Abstraktionsvermögen der Märchenbildner schließen lässt. In der Mehrzahl der Märchen begegnet uns eine harte Gegenüberstellung von Gut und Böse, die letztlich vom Sieg des Guten aufgehoben wird. Der Ausgang des Märchens ist also stets optimistisch, doch wird dieser Schluss erst nach Durchlaufen großer Gefahren, nach erheblichen Anstrengungen, die den Helden bis. an den Rand des Verderbens führen, erreicht. Bisweilen begegnet man auch dem Motiv des Verzeihen«. Diese wesentlichen Positionen in den Märchen reflektieren äußerst konzentriert gesellschaftliche Granderfahrengen des georgischen Volkes. Die Bedeutung der Märchen für die ethische Erziehung des Volkes und vor allem der Kinder Ist wohl universell und unumstritten; Gerechtigkeitssinn und Rechtsempfinden werden geschult. Auch die georgischen Märchen bilden hier keine Ausnahme. Von Dichtern wie Akaki Zereteli und Washa-Pschawela Ist überliefert, wie hoch sie Märchen schätzten, und welch unauslöschlichen, nachhaltigen Eindruck diese In der Kindheit auf sie ausübten. So hat wohl überhaupt die georgische Folklore 16
In hohem Maße Einfluss auf die Geisteshaltung und das ästhetische Empfinden der Georgier genommen. Nicht umsonst spricht man von den Georgiern als einem Volk von Dichtern. Und tatsächlich ist bis in die Gegenwart nicht nur die Zahl der als Schriftsteller tätigen Georgier sehr groß, sondern auch die Zahl derer, die Werke der Folklore auswendig kennen oder aus dem Stegreif, wie es bei Festen Sitte ist, sich künstlerisch auszudrücken vermögen. Die Bedeutung der georgischen Volksdichtung für die Georgier selbst ist damit jedoch nicht erschöpft. Jahrtausende währende Kämpfe gegen fremde Eroberer haben der Geschichte dieses freiheitsliebenden Volkes ihr Siegel aufgedrückt. Immer wieder mussten die Georgier zu den Waffen greifen, um ihre Heimat zu verteidigen. Wiederholte harte Kämpfe gegen Urartäer, Kim-merer, Skythen, Perser, Römer, Chasaren, Araber, Byzantiner, Türken, Choresmier, Mongolen, Daghestaner und andere Eindringlinge führten nicht nur dazu, dass der georgische Krieger zum Symbol für Tapferkeit wurde, sondern die Überzahl der Feinde brachte dem kleinen, sich stets heldenhaft verteidigenden Volk mehrmals die Gefahr völliger Vernichtung und kultureller Überfremdung. In solchen Zeiten half den Georgiern die Besinnung auf die eigene Folklore und die klassische georgische Literatur zur Wiederbelebung der nationalen Literatur und zur Wiedergewinnung ihrer Eigenständigkeit. Auf diese Weise gelang es Dichtern wie Artschil II., Garsewan Tscholoqaschwili, Sulchan-Saba, Orbeliani und Dawit Guramischwili, die georgische Literatur des Spätfeudalismus vom verfremdenden Übergewicht persischer Einflüsse zu befreien. In gleicher Weise ist die starke Hinwendung der realistischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts zur Volksdichtung zu verstehen. Das damals massiv einsetzende Studium der eigenen Märchen, Sagen, Volkslieder wie der gesamten Poesie bewahrte das nationale Kulturerbe gegen Bestrebungen der zaristischen Assimilierungspolitik.
Der Symbolgehalt georgischer Märchen geht verschiedentlich ins Magische, in Zahlenmagie über. So kommt zweifellos der Zahl 9 eine besondere Bedeutung zu. Immer wieder begegnet uns diese Zahl in den Märchentexten: hinter neun Bergen lebt ein neunköpfiges Ungeheuer; die Sonne sieht mit neun Augen vom Himmel herab; hinter neun Schlössern hält der König seine einzige Tochter verborgen; ein Jüngling bittet um eine Frist von neun Monaten, neun Tagen und neun Stunden; auch ist von neun Brüdern die Rede; ein Herrscher hat neun Söhne; neun Jahre lang hat eine Frau ihrem Mann nicht widersprochen; ein gefangener Vogel wird mit neun Sattelriemen am Pferd festgebunden; ein Pferd wird in neun Büffelhäute gehüllt. Die relative Lebendigkeit derartigen magischen Zaubers ist auch heute noch in den georgischen Gebirgsgegenden zu beobachten, wo an heimischen Kultstätten >neun Kweri<, ein brötchenartiges Gebäck, gebacken und geopfert werden. Jedoch nicht nur der Zahl 9, sondern auch anderen Zahlen mißt man magische Bedeutung zu: so der 12 (zwölf Gemächer; zwölfköpfiges Ungeheuer), der 3 (drei Brüder Ungeheuer) und der Zahl 7 (sieben Brüder; ein Felsen öffnet sich einmal in sieben Jahren). Genaue Gründe für diese Zahlenmagie, die auch bei anderen Völkern zu beobachten ist, sind nicht bekannt. Wahrscheinlich ist sie aus frühesten Zeiten überkommen und geht auf alte kultische beziehungsweise religiöse Vorstellungen zurück. Typisch für das georgische Märchengut ist auch die abstrakte Toponymik. Konkrete Toponyme wurden von den Märchenbildnern vermieden. So spielt sich die Handlung hinter neun Bergen ab, der Jäger reitet über freies Feld, er jagt auf dem roten, dem schwarzen, dem weißen Berg. Dennoch lassen sich aus diesen Aussagen Angaben über die reale Umwelt gewinnen. Mit Sicherheit ist anzunehmen, daß die Vorfahren der Georgier kein Volk waren, das In endlosen, ebenen Steppengebieten nomadisierte, sondern vielmehr In gebirgiger Landschaft mit hohen Gipfeln siedelte. Ebenso abstrakt wie die Toponymik ist auch die georgische Anthroponymik. Oft tragen die Märchengestalten keine Namen, sie bleiben anonym. Werden ihnen dennoch Namen gegeben, so werden diese aus der Tierwelt hergeleitet, wie Mgela (mgeli - Wolf), Irmisa (iremi -Hirsch), Wepchwia (wepchwi - Panther), Pozchwera (pozchweri - Luchs), Datua (datwi - Bär) und Cha-rika (chari - Stier), oder mit Naturerscheinungen in Verbindung gebracht, wie Msekala (Sonnenfrau) beziehungsweise aus Alltagsbeobachtungen abgeleitet, wie Sismara (Träumer) und Nazarkekia (Aschenscharrer). In den vorliegenden Übersetzungen wurde auf die Wiedergabe der spezifischen georgischen Märchenanfänge verzichtet, sie wurden der uns vertrauten Art angeglichen. Stets ist dem Immer wiederkehrenden Märchenbeginn (iqo da ara kjo ra - es war und war auch nicht), noch eine Anfangsformel In Gestalt eines kleinen Verses vorangestellt, die von hoher künstlerischer Verallgemeinerung zeugt und als Ergebnis eines langen Entwicklungsweges des georgischen Märchens zu werten ist. Diese Verse, die von der Folkloristin Sicharulidse wissenschaftlich bearbeitet wurden, besitzen unterschiedliche Formen. Typisch ist, dass diese georgischen Märchenanfänge oftmals nicht dort abgeschlossen werden, wo analog Anfänge von Märchen anderer Völker der Welt enden. Sie erhalten vielmehr eine Interessante Fortsetzung, die dem Märchenerzähler dazu dient, seine Zuhörer zu fesseln und bei ihnen die Erwartung, Ungewöhnliches zu hören, hervorzubringen:
iqo da ara iqo ra, Es war und war auch nicht, yvtis uketesi ra ikneboda. was gäbe es Besseres als Gott, iqo sasvi mgalobeli, Es war eine singende Drossel, rmerti cvenl mcqalobeli. barmherzig unser Gott. ymerts dideba, Gott sei Ruhm, cven msvidoba, uns Frieden, ymerti mayali, Gott ist groß, kaci dabali. der Mensch klein. Ein anderer Märchenanfang lautet: zyaßar iqo, zyapar iqo, Es war ein Märchen, war ein Märchen, calas citi mom^vdariqo, im Wäldchen war ein Voggel gestorben, yobes sevde, gamxmariqo, ich legte ihn auf den Zaun, da war er vertrocknet, camaviye, dampaliqo: ich nahm ihn herab, da war er verfault: did kvabsi ar eteoda, in einen großen Kessel passte er nicht, i?atamsi layad iqo: in einem kleinen war er zu winzig: asma kaema ver secama, hundert Leute konnten ihn nicht aufessen, erti kacis lukma iqo. er war ein Bissen für einen Mann.
Das Märchen ist eine sehr alte, bis in die Anfänge der Menschheitskultur zurückzuverfolgende volkstümliche künstlerische Form, die dem jeweiligen Bewusstseinsstand adäquate Auseinandersetzung mit Natur und Gesellschaft zu artikulieren. Auch in die vorliegende Sammlung sind einerseits Märchen übernommen worden, die in ihrer Grundsubstanz ein sehr hohes Alter haben müssen. Dazu gehören vor allem Märchen mit Jagdmotiven, die teilweise deutliche totemistische Züge tragen. Ein verhältnismäßig hohes Alter haben auch jene Märchen, die offenkundige Parallelen zum georgischen Sagengut aufweisen. Andererseits finden wir in dieser Sammlung Märchen, die verhältnismäßig spät, zur Zeit des Feudalismus, entstanden sind. Es gilt also zu berücksichtigen, dass die Märchen unserer Ausgabe unterschiedliche, der jeweiligen Zeit und Gesellschaft entsprechende Weltbetrachtungen beinhalten. Hinzu kommt, dass das Märchen, einmal gebildet, zwar eine recht beständige Größe darstellt, aber keineswegs unveränderlich ist. Im Laufe der Zeit hat sich der Charakter vieler Märchen durch mannigfache Überlagerungen, die dem Einfluss der veränderten Gesellschaftssituation zuzuschreiben sind, gewandelt. Besonders auffallend ist die Umformung alter Märchen in christlicher Zeit, die Aufnahme von Personen, die Träger christlicher Ideologie sind, beziehungsweise die Umwandlung heidnischer Gestalten in christliche. Derartige Umformungen lassen ideologische und soziale Entwicklungs- und Wandlungsprozesse der Gesellschaft auch im Märchen erkennbar werden. Das Christentum hatte sich seit dem 4. Jahrhundert in den Dichtbesiedelten Teilen Georgiens ausgebreitet, doch blieb sein Einfluss in den Bergen (Swanetien, Chewi, Pschawi, Chewsurien, Tuschetlen) unbedeutend. Die Georgier im Hochgebirge des Kaukasus verehrten bis in die jüngste Vergangenheit weiterhin die alten heidnischen Gottheiten, obwohl sie sich als Christen bezeichneten. Tatsächlich waren verschiedentlich nur die Namen jener Gottheiten christianisiert worden, während sich Inhalt und Gestaltung der Kulthandlungen nicht veränderten. In vielen Fällen wurden die Namen der alten Götter jedoch beibehalten (Laschari, Dali, Iaqsari, Kopala, Pirkuschi). Im Unterschied zum Christentum übte der Islam einen weitaus geringeren weltanschaulichen Einfloß auf die georgischen Märchen aus. Die unter islamischem Einfluss entstandenen Märchen können frühestens aus dem 8. Jahrhundert stammen, jener Zeit, in der die Araber in Georgien herrschten. Doch entstanden wohl die meisten dieser Märchen erst vom 15. bis 18. Jahrhundert, der Zeit des Spätfeudalismus, als die Perser und Türken ständig das Land bekriegten und ganze Landesteile jahrhundertelang von Türken unterjocht wurden. Aus jenen im Süden des Landes gelegenen Gebieten (Atschara, Samzche) ist auch der größte Teil islamisch gefärbten Märchengutes überliefert. 'Andere weltanschaulich-religiöse Einflüsse, wie sie beispielsweise durch den Mazdaismus möglich gewesen wären, haben jedoch keine nachweisbaren Spuren in der georgischen Folklore hinterlassen. Einige Märchen weisen eine geographisch genau bestimmbare Herkunft auf. So sind die in Sulchan-Saba Orbelianis >Weisheit der Lüge< aufgenommenen Märchen >Der Löwe und der Hase< wie auch >Der Esel, der Tiger, der Fuchs und der Wolf< aus indischen Quellen übernommen. Auch unter den Bedingungen des Sozialismus finden gesellschaftliche und ideologische Veränderungen im Märchen ihre Widerspiegelung. Sozialistische Verhältnisse bringen ein höheres Lebensniveau, ein höheres kulturelles Niveau hervor. Die damit einhergehende gewachsene Feinfühligkeit wird auch durch die Vermittlung und Rezeption von Märchen ausgeprägt. Presse, Rundfunk und Fernsehen unterstützen diesen Prozeß mit ihren spezifischen Mitteln. Trotz pessimistischer Stimmen über das Aussterben der Folklore in unserer Zeit zeigt es sich, dass sie, den neuen Bedingungen angepasst, beharrlich weiterlebt.
Mehrere georgische Märchen weisen Passagen auf, die auch in den Varianten der uralten Amirani-Sage, der kaukasischen Parallele zur Prometheus-Sage, enthalten sind. Derartige Motivanalogien finden wir beispielsweise in dem Märchen >Das Schilfmadchen<, denken wir an die Episode vom Zerbrechen des Kruges, dem ein Fluch folgt, wie auch in dem Märchen >Der Kupferwolf<, lässt doch das Abenteuer in der Unterwelt gleichfalls einen klaren Bezug zur Amirani-Sage vermuten. Die Wechselbeziehungen zwischen Märchen und Sagen bedürfen jedoch noch der wissenschaftlichen Klärung, so dass aus diesen zwar auffälligen Übereinstimmungen noch keine Schlüsse gezogen werden können. Manche der in georgischen Märchen vorkommenden Motive sind auch aus Märchen anderer Völker bekannt. Da sie aber in den georgischen Märchen immer wiederkehren und offenbar fest darin verankert sind, können wir sie auch als charakteristische georgische Märchenmotive betrachten: So das Motiv der Seelensuche (>Irmisa<, >Das zwölfköpfige Ungeheuers >Der Bettler und das Tuch<), das Motiv der Verwandlung der Tiergebeine, das Motiv des Angriffs auf die Sonne und der Reise zur Sonne, das Motiv der Spaltung einer Frau und das des tagsüber toten, nachts aber zum Leben erwachenden Jünglings. Von der Motiv-Gruppierung der Märchen, so wie sie Aarne/Thompson vorgenommen haben, wurde in der vorliegenden Sammlung bewußt Abstand genommen, um dem Leser spezifische Gesichtspunkte aufzuzeigen, die den georgischen Märchen eigen sind. Natürlich ist diese Gruppierung nur ein Versuch; Ansätze für ein anderes Herangehen lassen sowohl die Märcheninhalte wie -formen zu. In vielen georgischen Märchen begegnen uns Motive, die aus Jagderlebnissen resultieren. Diese Motive geben an entscheidender Stelle der Handlung eine neue Wendung oder führen ins Märchengeschehen ein und bestimmen den Verlauf des Geschehens. Die Herkunft des Jägers ist sozial unterschiedlich. Entweder bestreitet der Held mit der Jagd seinen Lebensunterhalt, oder er betreibt sie zum Zeitvertreib wie Könige und Königssöhne. Im allgemeinen ist der Jäger der georgischen Märchen ein guter Mensch, ein erfolgreicher Schütze und mutiger Kämpfer, dessen Leben durch Jagdabenteuer schicksalhaft beeinflusst wird. Dabei spielt häufig das Wild eine Zauberrolle (der Jäger trifft nicht und muss sterben; der Jäger erlegt das Tier und gewinnt großen Reichtum, der ihn aber in Gefahr bringt; der Jäger findet eine Hirschkuh, die ein Menschenkind aufgezogen hat). Wir können mit Sicherheit annehmen, dass der Georgier in der ursprünglichen Gestalt des Jägers eine Selbstdarstellung hervorgebracht hat» die auch oder vor allem Eingang ins Märchengut auf Grund dessen Spezifik fand. Er war es, der auf der Suche nach Wild durch die Schluchten und Berge streifte; die Abhängigkeit vom Jagderfolg, seltsame Begegnungen in der Wildnis und für ihn unerklärliche Zufälle beflügelten die Phantasie und lieferten die wundersamsten Stoffe. Auch für diese Märchengruppe trifft zu, was bereits angesprochen wurde : die große Gemeinsamkeit zwischen den älteren Märchen und dem ältesten Sagengut der Georgier hinsichtlich der Bedeutung der Jagd. Jede der drei großen Märchengestalten, Komble, Chut-kuntschula und Nazarkekia, haben ihr eigenes unverwechselbares Gesicht, und doch verbindet sie mancherlei. Alle drei sind einfache Menschen, der eine fleißig, der andere faul, aber alle wissen sich, wenn sie in Gefahr geraten, durch Menschen oder Riesen ins Verderben gestürzt zu werden, sehr geschickt zu verhalten. Ihre List befähigt sie zum Bezwingen ihrer Feinde, und daher gehen sie erfolgreich aus allen bedrohlichen Situationen
hervor. Ihre List ist nicht Tücke, sondern der Schutz kluger Menschen. Selbst die unglaublichsten Momente eigener Schwäche verwandelt der gewitzte Nazarkekia schlagfertig in überzeugende Beweise seiner Kraft, bis die starken Riesen erschrocken das Weite suchen, Nazarkekia aber mit ihren Schätzen aufbricht, um sich zu Hause wieder ein gutes Leben zu machen. Von den Tiergestalten agiert in georgischen Märchen der Bär des Öfteren als wichtige Figur. In den Tiermärchen erscheint er als plumpes, kräftiges, selbstsüchtiges, aber dummes Tier. In anderen Märchen besitzt er beträchtlich abweichende Eigenschaften. Er tritt als gutmütiges, dem Menschen wohlwollendes Tier auf, das sich sogar an Frauen heranwagt und mit ihnen Kinder zeugt. Diese Kinder strotzen vor Kraft und sind unbesiegbar. Hierin erblicken die Folkloristen den Nachklang eines ursprünglichen Totemismus. Noch heute unterliegt in einigen Gegenden Georgiens Bärenfleisch einem Essverbot, man scheut sich vor allem, Schulterfleisch zu essen, weil die Bärenschulter der Schulter des Menschen ähnele. Die georgischen Märchen sind aber auch von Unholden, Ungeheuern und Riesen bevölkert, mit denen sich die Helden auseinandersetzen müssen. Diese Wesen, denen die Georgier den Namen Dewi gegeben haben, verfügen über ungeheure Kräfte, sind groß, ungeschlacht und tragen bisweilen mehrere Köpfe, auch andere Verunstaltungen sind nicht selten. Im allgemeinen fungieren sie als Menschenfresser und Verkörperung des Bösen, trachten dem Märchenhelden nach dem Leben und müssen von ihm bezwungen werden. Dies wiederum erweist sich als eine schwierige Aufgabe, da jene Ungeheuer und Riesen eine Seele haben, deren Aufenthaltsort ein Geheimnis ist, das der Held nur mit Hilfe einer Frau dem Unhold entlocken kann. Hat der Held die Seele des
Dewi in seine Gewalt gebracht, so erlischt die Macht des Bösen, er muss sterben. Neben Ungeheuern, die den Menschen von Natur aus feindlich gesonnen sind, haben die Märchenbildner jedoch auch jene eingeführt, die den Menschen helfen, ihm freundschaftlich die Treue halten Die Mütter dieser Unholde besitzen denselben Riesenwuchs, dieselben Kräfte wie ihre Kinder, so drehen sie eine Tanne als Spinnrocken in ihren Händen und benutzen als Wirtel einen Mühlstein. Im Vergleich 2u ihren Söhnen sind sie weniger böse und gewähren dem Helden Schute und Beistand, wenn er sie in der rechten Weise anspricht. Da sie über geheimnisvolle Kenntnisse verfügen und ein wenig den Lauf der Dinge voraussehen können, sind sie in der Lage, dem Helden des Märchens gute Ratschläge zu geben. Wie die Riesen und Ungeheuer bilden auch die Drachen einen untrennbaren Bestandteil der georgischen Märchenwelt. Als mächtiges Sinnbild des Bösen, das nicht leicht zu bezwingen ist, besitzt er oft mehrere Feuer speiende Kopie. Wenn der Drache seinen gewaltigen Rachen aufreißt, kann er sogar die Sonne verschlingen. Er kann sich in die Luft erheben und fliegen, und seine Grausamkeit kommt darin zum Ausdruck, dass er sich der Quellen und Wasserstellen bemächtigt. Den Menschen gewährt er nur die Wasserentnahme, wenn ihm Menschenopfer dargebracht werden. Negative Märchengestalten sind auch die bösen Geister (Kadshi)) die menschenähnlichen Wuchs, aber ein grausiges Aussehen haben. Sie verstehen zu zaubern können sich unsichtbar machen und sind den Menschen feindlich gesonnen. Begegnen sie einem Menschen, so suchen sie in ins Verderben zu stürzen oder um den Verstand zu bringen. Ihre Klugheit und geheimnisvolle Zauberkraft birgt für den Helden des Märchens so viel Gefahr in ih, dass er sich nur mit List dieser entziehen kann
Nicht nur die natürliche Umwelt des Menschen {Gareskneli, Schuaza) ist Austragungsort der Märchenhandlung, sondern auch der Himmel (Seskneli, Seza) und die Unterwelt (Kweskneli, Kweza) sind in die Geschehnisse einbezogen. Die weltanschauliche Bedingtheit der Einbeziehung dieser Handlungsorte steht außer Frage. Die Reise zum Himmel fällt dem Helden nicht leicht, aber er bewältigt sie dennoch, gelangt in das Reich der Sonne» wo er wie auf der Erde handelt. Der Himmel ist der Erde ähnlich, hier gibt es ein Haus mit einem Garten» in dem die Sonne wohnt, auch hier leben Menschen und Tiere. Noch irdischer als den Himmel stellt »sich der Georgier im Märchen die Unterwelt vor. Dort leben Menschen in Dörfern* Städten und Königreichen wie auf der Erde, es bestehen dieselben sozialen Beziehungen wie auf der Erde» ja es scheint sogar die Sonne, nur viel matter. Die Unterwelt ist der Schauplatz von Kämpfen mit grausamen Drachen, die auch hier den Menschen das Wasser verwehren» wenn sie nicht mit Jünglingen und Jungfrauen gespeist werden. Dem Sieg über das Böse folgt der Aufstieg des Siegers ans Tageslicht wie der Lohn für eine gute Tat. Ist es des Öfteren vorgekommen, dass Märchen zu größeren literarischen Werken verarbeitet wurden oder Mär» chenmotive in die georgische Literatur Eingang fanden, so ist auch der umgekehrte Weg, wenn auch ungleich seltener, zu beobachten. Einige georgische Märchen sind sekundär auf der Grundlage literarischer Werke entstanden. Beispielsweise fand Schota Rustaweli Epos >Der Recke im Pantherfell< solch starken Widerhall im Volk, dass es in vielerlei Form zu Folkloretexten umgestaltet wurde. Allerdings .sind diese späten Märchen nur ein matter Abglanz der genialen Leistung Rustaweli. Ihre Wirkung ist schwach, und sie stehen in der künstlerischen Ausführung auch weit hinter dem volkstümlichen Märchengut zurück. Ein vom >Recken im Pantherfell< abgeleitetes Märchen ist das als Beispiel in de vorliegenden Band aufgenommene Märchen >Taria<. Die georgischen Märchen legen nicht nur Zeugnis für die reiche Phantasie und Erzählfreudigkeit des Volke; ab, um in diesem Sinne persönlichen Wünschen der Menschen Ausdruck zu verleihen, sondern sie entsprechen vor allem auch gesellschaftlichen Interessen. Klassenunterschiede und soziale Kämpfe finden in ihnen recht klaren Ausdruck, und die Auflehnung gegen die Ungerechtigkeit der Herrschenden und die Unterdrückung durch die Mächtigen ist in vielen Märchen Hauptteil der Handlung. Märchen, die so klar gesellschaftliche Anliegen zum Ausdruck bringen, sind meist spät entstanden. Dass in diesen Märchen die Sympathie des Volkes jenen gehört, die aus seiner Mitte kommen und seine Sehnsüchte vertreten, ist nur zu verständlich. Die Bestrafung des grausamen, habgierigen Herrschers und seine Ablösung durch einen Sohn des Volkes ist in vielen Märchen eine intuitiv ersehnte Vorwegnahme notwendiger gesellschaftlicher Umwälzungen. Wenn diese Veränderungen auch auf die Führung des Staates beschränkt bleiben und sich im gesamten Klassengefüge nichts ändert, so ist doch die mit märchenspezifischen Mitteln angestrebte Machtübernahme durch einen Vertreter des Volkes als Teil geistiger Wegbereitung künftiger umfassenderer Wandlungen zu werten. Die georgischen Märchen, von denen hier nur ein kleiner, aber repräsentativer Teil vorgestellt wird, zeugen von der Schöpferkraft und Phantasie, von den hohen moralischen Eigenschaften und der weiten didaktischen Sicht des georgischen Volkes, von seiner Kraft zu überleben, von seinem Glauben an das Gute und der Zuversicht auf den Sieg über seine Widersacher.
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